Fremd und nah zugleich: Ein ungebildetes Bauernmädchen, von himmlischen Stimmen aufgerufen und geführt, verändert das Gesicht Europas. Von keiner Frau des Mittelalters wissen wir historisch so viel wie von Jeanne d’Arc, so sehr sprengte sie bekannte Rollenbilder. Und bei kaum einer Christengestalt sonst kommen Größe und Elend der real existierenden, der „streitenden Kirche“ so erschütternd zu Tage wie bei dieser jungen Frau. In einem Schauprozess kirchlicher Instanzen 1431 als Ketzerin dem Scheiterhaufen übergeben, ein Vierteljahrhundert später kirchlich voll rehabilitiert und 1920 schließlich heiliggesprochen. Auch zum vielschichtigen Verhältnis von Mystik und Politik haben Weg und Werk Johannas einiges zu sagen. Wie sehr la purcelle („die Jungfrau“) seit ihrem bloß einjährigen öffentlichen Wirken fasziniert hat, zeigen unter anderem die vielen Theaterstücke dazu, von Shakespeare bis Shaw und natürlich Schiller.
Dem Autor Marius Reiser gelingt es, den immensen Stoff anschaulich zu verdichten und das Drama ihres Lebens mitvollziehbar zu machen. Diesem ersten Teil folgt zweitens eine vielstimmige Sammlung von zeitgenössischen Zeugenstimmen, die Johannas Persönlichkeit und Charisma plastisch beleuchten. Sie ergänzen die eindrucksvollen Gerichtsprotokolle des Inquisitionsprozesses, die „zu den großen Texten der Weltgeschichte“ und der christlichen Spiritualität gehören. Warum das so ist, entfaltet Reiser in einem ebenfalls luziden dritten Teil zum Lebensgeheimnis Johannas, ihren inneren Stimmen. Dass sie seit ihrem 13. Lebensjahr einen derart direkten Draht zum Himmel hatte und sich unmittelbar von Gott durch bestimmte Heilige gesandt wusste – vermittelt besonders durch die Heiligen Katharina und Margareta –, markiert ja die eigentliche Faszination und Irritation dieser lothringischen Frau, die nur 29 Jahre alt werden durfte.
Denn „allein ihre Stimmen bringen sie zu ihrem ungewöhnlichen, menschlich betrachtet verrückten Unternehmen. Und allein mit ihrer Hilfe führt dieses Unternehmen zu seinen spektakulären Erfolgen.“ Dieses Faktum von Johannas ständiger Beheimatung in Gottes Gegenwart ist historisch unbestreitbar, wie der erfahrene Autor an den Quellen zeigt; dessen Deutung freilich ist hoch umstritten. Verdienstvoll ist, wie Reiser – ehemals Professor für Neues Testament in Mainz – die unterschiedlichen Wertungen schon des 15. Jahrhunderts darstellt und begutachtet. Im kundigen Vergleich mit Beispielen aus der Glaubensgeschichte erinnert Reiser einerseits an die grundlegende Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister in Glaubensvollzug und Theologie; andererseits weist er eindringlich auf die empiristische Verengung unserer Welt- und Selbstwahrnehmung hin, die seit der Aufklärung vorherrsche. Demnach ist von vornherein ausgeschlossen, dass Visionen und Auditionen mehr sein könnten als innerpsychische Vorgänge und letztlich Halluzinationen. Dass es so etwas wie eine Realpräsenz Gottes geben könne, der wirklich sich selbst mitteilt, wird aus rein weltanschaulichen Gründen schon von vornherein ausgeschlossen. Reisers Überlegungen dazu, was warum wie als wirklich gelten könne, sind hier ausgesprochen hilfreich.
Schon die Zeitgenossen verbanden mit Johanna den Ehrentitel „simple“, im präzisen Sinn des Wortes „ein-faltig“, also lauter, frei und glasklar. Wir könnten auch sagen: gottdurchlässig und rein. Johanna bewegt sich in ihrer durch und durch intriganten Lebenswelt mit einer unglaublichen Geradlinigkeit und intuitiven Gewissheit. Zeitlebens weiß sie sich dabei von ihren inneren Stimmen geführt. Sie, die Analphabetin und Nichtstudierte, ist hellwach in der Beurteilung heikler Situationen, lebensklug und intelligent, schlagfertig und voller Mutterwitz. Auch dass sie Fehler macht, diese einsieht und korrigiert, macht sie überzeugend – am bewegendsten dort, wo sie angesichts des drohenden Scheiterhaufens für einen langen Moment einknickt und „abschwört“. Nirgends kommt diese umwerfende Brillanz Johannas so zur Geltung wie in den Akten des Inquisitionsprozesses, aus denen Reiser zitiert. Ohne jeden Rechtsbeistand ist die in Einzelhaft Gefangene einem intriganten Netzwerk von Juristen und Theologen ausgesetzt, deren Todesurteil über sie längst schon von oben diktiert ist. Wie Johanna, völlig auf sich allein gestellt, den hinterlistigen Fangfragen ihrer Richter nicht nur standhält, sondern sie oft genug schlicht bloßstellt, fasziniert auch Jahrhunderte später.
Zu den originellen Ideen Reisers gehört seine These, Johannas Spiritualität mit der der devotio moderna zu verbinden, beziehungsweise mit dem zeitgleich erschienenen europäischen Bestseller Nachfolge Christi von Thomas von Kempen. Natürlich hat Johanna dieses Buch weder gekannt noch gelesen, aber in der Tat bringt es vieles empfehlend ins Wort, was Johanna lebt – feinfühlige Gewissensbildung, häufige Beichte und Kommunion. Dass Johannas Leben nur in der Nachfolge Christi zu verstehen ist, machen zudem Parallelen zum Weg Jesu anschaulich: Auch sie hatte nur ein Jahr Zeit, den aktiven Teil ihrer Sendung zu realisieren; am Ende stand sie ganz allein einem unglaublichen Unrechtsfilz gegenüber. Und auch bei Johanna stellen sich all die Fragen nach dem Warum und dem Geheimnis solch göttlicher Berufung und Sendung.
Johanna war keine Mystikerin“, schreibt Reiser dezidiert. In der Tat: Sie kannte keinerlei Erscheinungen und „Erlebnismystik“, keinerlei Interesse an „inneren Erfahrungen“. Vielmehr volle Konzentration auf die gehorsame Umsetzung göttlicher „Offenbarungsvisionen“ im konkreten Hier und Jetzt der Realgeschichte. Versteht man freilich Mystik als „unmittelbares Bewusstsein göttlicher Gegenwart“, dann ist Johanna durchaus im Strom christlicher Mystik zu verorten. Es ist mehr als ein Zufall, dass just um die Heiligsprechung Johannas 1920 auch die Programmformel „Mystik und Politik“ aufkam. Eine Therese von Lisieux sah in Johanna begeistert ein Vorbild.
Diese exzellente Darstellung von Leben, Werk und Wirkung erinnert also nicht nur an eine einmalige Gestalt der (Glaubens-)Geschichte. Es stellt auch die Fragen, die sich nachdenkliche Zeitgenossen nicht ersparen können und die ins Zentrum jeder guten Theologie gehören: Handelt Gott in der Geschichte und wie ist von seinem Wirken zu sprechen? Wie gehören Glauben und Wunder zusammen, wenn denn bei Gott „nichts unmöglich“ ist? Warum dabei das Leiden und die Passion, gerade der Gerechten und Aufrichtigen? Und vor allem: Wie muss und darf ich leben, damit ich inmitten der vielen Stimmen meines Lebens jene wahre, womöglich unverwechselbar eine, höre – und ihr folge, und dann so risikofreudig und konsequent?