Tradition hat einen schlechten Klang. Vor allem in kirchlichen Zusammenhängen, wenn man sich bemüht, reformerisch auf die Höhe der Gegenwart zu kommen – und kommen muss, wenn das Christliche noch einen Nährwert haben soll. Dabei meint Tradition im eigentlichen Sinn nicht Traditionalismus, sondern innovatives Übertragen von als bedeutungsvoll Erkanntem ins Heute, Weiterentwicklung aus dem Strom des Geistes auf Neues hin. Für den Publizisten, Theologen, Lehrer und CIG-Autor Christian Heidrich heißt das: aus dem Geist des Christentums.
Sein Buch versteht sich keineswegs als Gegenschrift zu den „Klassikern“ des Warum ich kein Christ bin etwa des Philosophen, Mathematikers und Religionskritikers Bertrand Russell oder des Philosophiehistorikers und Mystikforschers Kurt Flasch. Vielmehr setzt Heidrich essayistisch-betrachtend Markierungen, die ihm als Lesemenschen, als Literatur- und Kulturbewegten, persönlich wichtig geworden sind für ein inspiriertes, modernes, nachdenkliches Christsein.
An den biblischen Quellen, das macht er gleich deutlich, führt kein Weg vorbei. Nicht aus Gründen dogmatischer Korrektheit, sondern weil die Texte, die einst auf nicht mehr endgültig zu klärende Weise zu kanonischen, glaubensverbindlichen Schriften erhoben wurden, das Jesus-Ereignis in Jesus-Erzählungen lebendig zur Sprache bringen und so in der Welt-Geistesgeschichte verankert haben. Heidrich beschränkt sich auf Schwerpunkte der Evangelien, deren Faszination über den historischen Graben hinweg zu einem „kühnen Sprung“ von damals ins Heute einlädt. „Jesus ist mein Fixpunkt beim Gottsuchen“, erklärt er und verweist auf Heinrich Böll: Wie sähe diese Welt aus, „hätte sich die nackte Walze einer Geschichte ohne Christus über sie hinweggeschoben … Ich überlasse es jedem Einzelnen, sich den Alptraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder einer Welt, in der die Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen.“
Glatt geht diese Rückblende freilich nicht auf. „Religion ist der Ort, an dem man lernt, das Paradoxe auszuhalten.“ Das schließt für Heidrich die Rationalität, das logische Argumentieren nicht aus. Im Gegenteil: Berührend, wie schon der Evangelist Johannes als „Avantgardist“ dem Logos gleich zu Beginn seines Werks ein Denk-mal setzt, als Wort, Licht und Wahrheit – Gott in Welt, für die Welt.
Der Glaube bleibt der Erde treu – und sucht von Anfang an den Anschluss an die Weisheit, die Erkenntnis, die Philosophie der jeweiligen Zeit, ohne darin aufzugehen. Disruption heißt das mit einem Zauberwort, das heute in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in Mode ist. Unterbrechung! Solche Disruptionen hat der christliche Glaube gewagt, wie Heidrich mit episodenhaften Ausblicken auf interessante Gestalten der antiken Umbruchszeit deutlich macht. Während römische Intellektuelle gegen die innovative Religion des Christentums einwandten, sie breche mit der Tradition, der bisherigen Götterverehrung, und unterminiere somit die staatliche Autorität, das Gemeinwesen, erklärte etwa Ambrosius: Seit Anbeginn der Welt sei ein Voranschreiten „zum Besseren hin“ wahrzunehmen. Die christliche Erkenntnis ist demnach ein Meilenstein in der Evolution des kulturellen und damit religiösen Bewusstseins. Für den Mailänder Bischof war klar: „Auch wir haben am Anfang unseres Lebens einen kindlichen Sinn. Aber wir ändern uns im Laufe der Jahre und legen die anfängliche Schwäche unseres Geistes ab.“
Dieser Fortschrittsoptimismus gegen eine nur rückwärtsgewandte Tradition schlägt inzwischen allerdings kritisch aufs Christentum zurück, wie Heidrich bemerkt. Könnte es sein, dass das Christentum nun selbst in eine Phase der Stagnation eingetreten ist, welche die antiken Religionen seinerzeit nicht überlebten? Solch große Unruhe will der Autor nicht verscheuchen. Zu gewaltig sind die Absetzbewegungen von Kirche und Glaube nicht nur im abendländischen Kulturkreis. Das jedoch treibt Heidrich noch mehr an, nach dem Mehrwert des Christlichen zu fragen: Was bedeutet es im 21. Jahrhundert, dass ein „lebendiger Gott“, wie er sich über Jesus Christus zeigt, die Geschichte „entert“?
Der Jesus-Weg habe „Bürger wie Bettler“ bewegt, inklusiv wie universal Menschen in Gang gebracht, Hoffnung gestiftet, Caritas über alle Grenzen hinweg angeregt, Rationalität und Emotionalität verbunden, das Seinsverständnis befruchtet, die Horizonte von Wissenschaft und Kunst geweitet. Im christlichen Kulturkreis wurde wie nirgendwo sonst auf der Welt das Sippen- und Clandenken aufgebrochen zugunsten eines auf das Individuum bezogenen Personalismus, der befähigt, selbst im Fremden und Fernsten den Nächsten zu sehen.
Gewiss kann man zu allem Gegenbeispiele finden, zu jedem positiven Ertrag einen negativer Rückschlag – was Heidrich keineswegs verschweigt. Als Beispiel nennt er die weiter aufrechterhaltenen patriarchalen Kirchenmuster, die er mit dem Philosophen Peter Sloterdijk karikiert: „Nicht umsonst zeichnet die etablierte christliche Ekklesia sich durch den extensiven Gebrauch von hybriden Titeln aus – von den Wüstenvätern über die Kirchenväter zu den Beichtvätern, um von den übrigen para-väterlichen Figuren wie dem Pater, dem Papst, dem Abbé und ähnlichen psycho-semantischen Neuschöpfungen auf der Skala des patrologischen Vokabulars hier zu schweigen.“ Ein paar mariologische Dogmen machen das nicht wett. Trotzdem: Was wäre die Welt ohne die Wirkkraft christlichen Geistes, ohne ein Christentum, das geschichtsmächtig von der Hinwendung zu den Armen über seine Bildungsinitiativen bis zum „Bete und arbeite!“ Sein und Zeit gestaltet hat und gestaltet?
Für Heidrich ist das Christentum nichts Vollkommenes, vielmehr eine „Sehschule“, die ermutigt, im „Vorübergang“ zu leben, ohne jemals endgültig aufschlüsseln zu können, woher wir mit diesem Universum kommen und wohin alles nach uns geht. Leben heiße schlicht: „mit dem Evangelium durchs Leben gehen“. Was ist Wahrheit? Das letzte Wort, das wir als Christen erwarten können, werde „ein Größerer sprechen“. Christian Heidrich plädiert für ein pilgerndes Unterwegssein im Sinne einer „Benedikt-Option“. Benannt ist sie nicht nach dem früheren Papst, sondern nach dem Mönchsvater von Nursia, dessen Regel ebenso von Frömmigkeit wie von Nüchternheit und Pragmatismus geprägt sei. So versteht sich auch dieses Buch, das keine Systematik anstrebt, sondern – manchmal mit harten Schnitten, Sprünge nicht scheuend – teils weniger bekannte Geistesgrößen zu Gehör bringt und Lichtblitze setzt. Der Autor sieht sich eher als Pädagoge des Christseins, der sich selber an die Hand nimmt, bewegt von der großen Frage: „Woher kommt das innere Licht?“ Nicht ohne Bekenntnis: „Das christliche Denken, die christliche Kultur, ist mir nahe. Mit ihren Maßgaben und Idealen, mit dem Erhellenden wie mit dem Widerborstigen will ich leben. Wenn ihre Spuren nicht mehr leuchten, liegt es auch an mir. Darum bin ich ein Christ.“