Im Vergleich zu anderen altorientalischen Kulturen weisen die erhaltenen Gebete aus Israel und Juda einige Besonderheiten auf. Sie sind erheblich kürzer als die oft ausufernd langen sumerischen und babylonischen Hymnen und Gebete. Manche sind in ihrer Urgestalt nicht viel mehr als ein kurzer Hilferuf. In der Kürze mag sich das Vertrauen in die Kraft weniger, genau gesetzter Worte zeigen. Oder womöglich war die Schriftform eher eine Gedächntisstütze, die als Grundlage tatsächlich vorgetragener Gebete gedient hat, eine Form oder Matrix, nach der die aktuellen Gebete sich richten konnten. Nicht wenige Psalmen zeigen bereits in ihrer Urgestalt die Tendenz zur Erweiterung.
Christoph Levin, Reinhard Müller