Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – und manchmal bringt es etwas tief in unserem Inneren zum Klingen. In der letzten Ausgabe von „weit!“ haben wir Sie gefragt, welche Werke der bildenden Kunst Sie spirituell berühren. Eine Auswahl Ihrer Antworten finden Sie hier:
Meine erste Assoziation für ein Werk der bildenden Kunst, das für mich und mein religiöses Suchen wichtig ist, war das Bild Der große Gärtner von Emil Nolde. Ich habe es vor vielen Jahren bei der Unterrichtsvorbereitung in einem Religionsbuch in der Reihe „Gottesbilder“ entdeckt. Es hat mich sofort angesprochen und berührt mich noch immer sehr. Warum das so ist, kann ich erst in der Rückschau benennen: Vielleicht ist es die Zärtlichkeit, mit der der alte Mann die Blumen behütet, pflegt, wachsen lässt... Vielleicht ist es die Besorgtheit seines Gesichtsausdrucks, vielleicht sind es die warmen Farben, die Achtung vor der Schöpfung, die das Bild andeutet?
Jedenfalls mag ich die Vieldeutigkeit sehr und finde sie inzwischen theologisch gut begründet. Vielleicht steckt darin ja auch die Aufforderung, selber Gärtner, Gärtnerin zu sein, ohne „Gott zu spielen“?
Birgit Lensing-Kruse, Havixbeck
Die christliche Kunst hat Unglaubliches geschaffen, aber ich habe da immer mehr den Künstler bewundert, die Aussage hat mich eher nicht angesprochen. Das war ganz anders auf der Expo2000 Hannover im Christuspavillon, der jetzt im Kloster Volkenroda steht. Die abstrakten Bilder zu Bibelworten von Andreas Felger haben mich wirklich spirituell berührt, zu eigenen Gedanken und Meditationen eingeladen.
Ingrid Thiele, Dortmund
Eines meiner Lieblingsbilder stammt vom italienischen Künstler Giotto di Bondone. Er hat es 1305 für die Scrovegni-Kapelle in Padua gemalt. Es zeigt die Himmelfahrt Christi. Mich fasziniert, was für ein schönes Gesicht dieser Christus hat. Als würde er die Tür zu einem Dachboden aufstoßen, aber sanft und ohne Anstrengung öffnet er die Grenze zwischen Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits, Zeit und Ewigkeit. Konzentration, aber auch Neugier und Vorfreude zeichnen sich in seinen Zügen ab. Diesem Jesus folge ich gerne.
Gisela Tschudin, Gockhausen / Schweiz
Seit meiner Diakonenweihe vor 25 Jahren begleitet mich das Bild der Ikone Christus und Johannes. Erstmals gesehen habe ich diese Johannesminne im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Heiligkreuztal auf der Schwäbischen Alb. Immer wieder schaue ich sie mir an und immer wieder entdecke ich Dinge, die mir bislang nicht aufgefallen sind. Typisch ist die Geste des Johannes, der seine rechte Hand in die rechte Hand von Jesus legt. Sein Kopf ruht an Jesu Brust. Ausgedrückt wird das ganz innige Verhältnis, die große Liebe zwischen den beiden. Auffallend ist, dass die Hand des Johannes nicht komplett in der Hand Jesu liegt. Beim genauen Hinschauen entdecke ich, dass noch ein wenig Platz zwischen
den beiden Handflächen ist. Man erwartet eigentlich auf dem Bild einen festen Händedruck als eindeutiges Zeichen ihrer tiefen Beziehung.
Das innere Band menschlicher Zuneigung ist die Liebe. Es gibt allerdings kein Wort, das so vorbelastet ist wie das der „Liebe“. Kitschig, romantisch verbrämt und bedeutungsmäßig oft überstrapaziert kommt das Wort daher. Und dennoch gibt es kein Wort, das so viel Seligkeit und Hingabe verströmt. Aber gerade die Ambivalenz dieses Wortes greift so tiefgründig und reizt immer wieder Dichter, Liedermacher und Verliebte, sich darin zu verströmen und aufzulösen.
Jesus räumt der Hand des Johannes, verträumt und sicher in seiner eigenen Hand, einen Spielraum von größter Bedeutung ein. Sie schafft Freiheit besonders für Johannes, denn durch die zärtliche Berührung der beiden Körper bleiben Bewegungsmöglichkeiten. Der unverbrüchlichen Treue Jesu stehen Joahannes eigene Optionen gegenüber. Jesus hält ihn nicht fest, sondern gewährt Freiheit, Johannes kann seine Hand auch ohne Not wegziehen und sie ohne weiteres wieder in Jesu Hand legen; er kann sich von Jesus entfernen, er kann auch wieder ganz dicht an ihn heranrücken.
Der Betrachter und die Betrachterin der Minne dürfen schauen und sehen wie Glaube gehen kann. Kein Zwang drängt sich in diese Liebe hinein, vielmehr lächelt die Freiheit und verspricht Sicherheit.
Dr. Harald Müller-Baußmann, Trier