BuchbesprechungWeckruf oder Polemik?

Norbert Bolz bietet in „Christentum ohne Christenheit“ viele Erkenntnisse. Aber an wen wendet sich dieses Buch überhaupt?

Im Jahr 1799 veröffentlichte Friedrich Schleiermacher eine Abhandlung über die Religion, deren Untertitel lautete: Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Wer das unlängst in der Reihe „Theologische Brocken“ des Berliner Matthes & Seitz-Verlags erschienene Buch Christentum ohne Christenheit liest, fühlt sich zunächst an Schleiermachers Reden erinnert. Autor ist der Berliner Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der in sechs Kapiteln eine Bestandsaufnahme dessen vornimmt, was den Kern einer christlichen Existenz ausmache und inwiefern eine solche Existenz es in der säkularen Gesellschaft schwer habe. Dabei schlägt er den Bogen von Paulus als dem eigentlichen Begründer des Christentums in unsere Tage, wo es weniger um die Glaubensentscheidung als um die Glaubenserfahrung gehe. Manches in Bolz’ Ausführungen erscheint einleuchtend, wenn er beispielsweise das Dogma von der Erbsünde anthropologisch deutet – dass nämlich der Mensch nicht nicht sündigen könne. Sünde wird dabei im Sinne des Religionsphilosophen René Girard (und unter Bezug auf diesen) aus der dem Menschen quasi innewohnenden Aggressivität hergeleitet, welche zu mimetischem Begehren und zu Rivalität führe.

So weit, so bewusst unzeitgemäß – es leuchtet indes ebenso ein wie Norbert Bolz’ Warnung vor der Modernitätsfalle, die sich insbesondere an die protestantische Kirche wendet: „Gerade weil sie so modern und ,aufgeklärt‘ ist, kann sie nicht mehr Heil versprechen und eine neue Welt prophezeien“, heißt es im Kapitel „Pervertierung des Christentums“, aber hier sind wir bereits in einem Teil des Buchs, der den Leser – auch den, der gerne bereit ist, Bolz’ provokante Thesen zu bedenken – doch zunehmend ratlos zurücklässt. Dass es Norbert Bolz womöglich gar nicht um einen Weckruf geht, sondern um bisweilen zynische Provokation, wird an Äußerungen wie der folgenden deutlich: „Wenn die Kirche sich öffnet, gehen nicht die Ungläubigen hinein, sondern Gläubige hinaus. So scheint auch der ,synodale Weg‘ geradewegs in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit zu führen.“ Bolz’ intellektuell durchaus fundiertes Traktat mit interessanten Bezügen zu Hans Blumenbergs These von der Legitimität der Neuzeit und Hermann Lübbes Untersuchung zur Religion nach der Aufklärung wendet sich letztlich nicht werbend an die Verächter der Religion, sondern buhlt um wohlfeile Zustimmung seitens derer, die in der Religion ein Bollwerk gegen „postmoderne Selbstverwirklichung und woke Identitätspolitik“ sehen. Wenn dazu allerdings augenzwinkernd Nietzsche zum Kronzeugen ernannt wird, wird deutlich, dass es hier wohl eher um eine Abrechnung geht.

Das ist bedauerlich, wird so doch eine Chance vertan: Denn man kann nicht gegen die (christliche) Religion zynisch polemisieren und gleichzeitig eine ihrer vornehmsten Wirkungen beschwören: „Religion nach der Aufklärung bietet der modernen Gesellschaft vielleicht nicht mehr die Antwort auf die Frage nach dem Sinn, aber sie wirkt doch noch als die Überzeugung, dass die Frage einen Sinn hat.“ Norbert Bolz’ Buch Christentum ohne Christenheit ist im wahrsten Sinn ein Paradox: Denn es bietet viele interessante Ansätze einer Reflexion dessen, was Religion ist, woher sie kommt und was sie bewirken kann – gleichzeitig ist ihm der Beifall derer gewiss, die in solcher Reflexion die säkulare Moderne am Werk sehen, der man nur durch neuerliche Dogmenbeschwörung und Gehorsam gegenüber der Tradition entgegenwirken könne. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor diesen Beifall nicht sogar sucht.

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