Abstract / DOI
Odysseus and Abraham. This essay meditates the Christian account of time by opposing the figures of the ancient hero Odysseus and the patriarch Abraham. While Odysseus represents a cyclical understanding of time and a scheme of originating from the Divine and returning to it, Christian faith emphasizes that God brings about something radically new in history. This even affects the concept of God itself leading to the notion of a «pasqual innovation» in God.
Am Anfang der abendländischen Geschichte hat Homer ein gewaltiges Epos geschrieben: die Odyssee. Darin erzählt er von Odysseus, dem Menschen, der auszieht und einen Weg mit vielen Umwegen geht und dann schließlich wieder heimkehrt. Er hat folglich in seinem Leben eine gewaltige Kreisbahn vollzogen, bevor er an den Ausgangspunkt seiner Ausfahrt zurückkehrte. Immer wieder hat man in diesem Odysseus ein Bild des Menschen als solchen gesehen. Da das Odysseus-Motiv so schlüssig erfassen lässt, was es um den Menschen ist, ist es nicht verwunderlich, dass es immer wieder thematisiert wird. Einer der großen Romane des letzten Jahrhunderts lässt es aufleben: James Joyce’s «Ulysses». Vor nicht langer Zeit hat die Frankfurter Oper in ihrer Aufführung von Claudio Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in patria» das Bild des Odysseus in großartiger Weise auf die Bühne gebracht. In der Gestalt des Odysseus erkennt sich der Mensch, dessen Schicksal es ist, sein Leben in kleinen und großen Zyklen zu leben. Wenn er dies tut, erlebt er sich als ein Teil der Natur, in der Kreise ja eine bestimmende Rolle spielen.
Aus den Bewegungen im heliozentrischen Weltall entstehen die ursprünglichsten Gliederungen von Abläufen und damit kommt das zustande, was wir die Zeit nennen. Es entsteht der Sonnentag und es entsteht das Sonnenjahr und es entstehen die Jahreszeiten. Der Sonnentag mit der regelmäßigen Wiederkehr der Tag- und Nachtzeit kommt durch die Drehung der Erde um ihre eigene Achse zustande.
Der Grundrhythmus, dem wir in alldem begegnen, ist zur Grundlage unseres Zeitmessens in Uhren und Kalendern geworden. Er wirkt sich darüber hinaus und noch folgenreicher auch so aus, dass er sich zuvor schon und zwar als Ergebnis eines langen Anpassungsprozesses in die Lebensvorgänge von Pflanzen, Tieren und Menschen eingeformt hat. Der Tag- und Nachtwechsel gehört ebenso wie der Kreislauf der Jahreszeiten zu den stärksten unser Leben bestimmenden und unser Erleben prägenden Wirklichkeiten. Tag und Nacht, Sommer-Herbst-Winter-Frühjahr, Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Aussaat und Ernte, Leben und Sterben – dies alles durchwirkt das Leben jedes Menschen, jeder Familie, jedes Volkes. Sie gewähren ihm Geborgenheit, denn sie bieten ihm einen verlässlichen Rahmen. Er ist ihnen zwar ausgeliefert, aber erlebt die Regelmäßigkeit der Kreise doch letztlich als etwas Vertrautes und Tragendes. So erklärt es sich, dass viele Menschen die Zeitrhythmen als die gegenwärtige Wirksamkeit eines den Abläufen der Natur jenseitigen Geheimnisses erleben: als numinose, ja sie bergende oder gar gnädige Dimension alles Wirklichen. Wer so weit nicht gehen möchte und die Welt, in der er lebt, entgöttert erfährt, wird sich gleichwohl der Fülle der Motive nicht entziehen können und wollen, die in den Abläufen der Tage und der Jahre bereitliegen. Es wird wohl keine Kultur geben, in der darüber nicht in Ton und Text, in Bild und Farbe meditiert worden ist.
Des Menschen Leben – eine Odyssee zwischen Geburt und Tod. Und doch: liegt über dem Bild des Odysseus nicht auch eine tiefe Melancholie? Aus welcher Hoffnung lebt der Mensch, der nichts als die schließliche Rückkehr in seine Anfänge kennt? Ist nicht der Kreis, sosehr er ein Symbol der Vollkommenheit ist, doch auch ein Bild der Ausweglosigkeit?
Als vor einigen Jahren unser ehemaliger Bischof Franz Kamphaus in Frankfurt das neue «Haus am Dom» einweihte, hat er seine Rede mit einer Erinnerung an Odysseus begonnen und in diese Skizze auch die vielfältigen Erfahrungen des modernen Menschen eingetragen. Und dann gab er seinen Betrachtungen eine überraschende Wende: er stellte dem Odysseus des Homer die Gestalt des Abraham aus der Bibel gegenüber. Er erinnerte an den «Stammvater Abraham, der von Gott auf einen Weg geschickt wurde ohne Rückkehr ins Alte. Odysseus und Abraham, Athen und Jerusalem – das widerspricht sich nicht. An dem Unterschied jedoch zwischen beiden hängt für Christen fast alles, ja im Grund eine ganze Welt». Das ist eine aufschlussreiche Gegenüberstellung, die uns zeigt, dass es doch eine Alternative zu dem, was uns, wie es bisher scheinen musste, alternativlos auferlegt ist: dass wir letztlich in die Kreise der großen Natur eingezwängt sind. Abraham, aus seiner Heimat herausgerufen und auf einen Weg geschickt, der ohne Rückkehr sein sollte – immer weiter, immer weiter weist dieser Weg in eine einstweilen ungewisse, aber dann doch unter Gottes Führung und Verheißung sich mehr und mehr klärende Zukunft hinein. Die Zukunft, auf die die Welt und Gottes Volk zugehen, das ist das himmlische Jerusalem, das uns die biblische Apokalypse in so starken Farben gezeichnet hat. Das himmlische Jerusalem ist nicht die Heimat, aus der Abraham und wie er jeder Mensch ausgezogen ist und in die er schließlich wieder zurückkehrt. Nein: das himmlische Jerusalem ist das große Ziel am Ende aller Wege. Es ist die Stadt, die geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam aus dem Himmel von Gott her kommt und die neue und ewige Heimat der Pilger auf den Wegen der Welt und der Geschichte sein wird. Dort wird Gott der Mittelpunkt sein und den Menschen sein Leben ohne Leid und Tod, ohne Mühsal und Trauer schenken. Am Anfang der Geschichte, so erzählt die Bibel, lebten die Menschen in einem Garten, am Ende leben sie in der neuen, heiligen Stadt – das lässt uns hoffen, dass alles, was wir Menschen auf den Wegen der Geschichte an Bleibendem erwirken durften, in dieser Stadt aufgehoben und bewahrt sein wird. Diese Aussicht, die uns im Glauben eröffnet wird, gibt unserem Leben mit all seinem Auf und Ab eine überraschende Wende.
Und doch: ist das nicht ein zu leuchtendes Bild? Wird es nicht ständig durchkreuzt durch das vielfache Scheitern unserer Bemühungen auf dem Weg auf das große Ziel zu? Und gibt es nicht den ganz großen Strich durch diese Rechnung: dass die Linien unseres Lebens durch Leid und Not und schließlich durch unseren Tod durchkreuzt werden? Und sagen wir in unserem Sündigen nicht immer wieder Nein zu dem, was Gott uns zugedacht hat? Müssen wir nicht, wenn wir ehrlich und aufrichtig in Rechnung stellen, dass unsere Leben doch immer auch eine Folge von Abbrüchen ist, die Rede von der großen Hoffnung zu den Akten legen?
Ja, wir müssten es, wenn Gott selbst dem Drama der Geschichte nicht eine Wende gegeben hätte. Er hat diese Geschichte nämlich nicht nur angestoßen, sondern sich selbst in sie eingemischt. Er ist in seinem Sohn Jesus Christus die Wege der Menschen mitgegangen. Und er hat dieses Mitgehen nicht abgebrochen, als es ernst und dunkel wurde. Nein, bis in den Tod am Kreuz ist er an der Seite der Menschen geblieben und hat dadurch, dass er ihre Lasten zu tragen in der Lage und bereit war, das gestiftet, was wir Versöhnung nennen. Die Auferweckung des Gekreuzigten, die wir in der Gemeinschaft der Christen an Ostern feiern, ist für Gottes Welt und für uns Menschen die Bestätigung und Befestigung des Weges auf das himmlische Jerusalem zu. Ostern sagt uns, dass die große Hoffnung auf die Stadt, die vom Himmel kommt und in der es keine Tränen und keinen Tod mehr gibt, Bestand hat. Noch einmal: dass dies alles so gesagt und geglaubt werden darf, hat damit zu tun, dass in diese Geschichte Jesus hineingetreten ist. In seinem Kreuzessterben hat er die letzten Grenzen dieser Welt berührt: die des Todes und der Sünde. Und in seiner Auferweckung hat er der Welt ein für allemal ihre österliche Zukunft eröffnet. Odysseus – dieser Name steht für vieles in unserer Welt und in unserem persönlichen Leben. Aber die Wahrheit, die sein Bild aufscheinen lässt, ist nun durchkreuzt und zugleich aufgehoben durch die Hoffnung, die in Abraham in unsere Welt getreten ist und durch den gekreuzigten und auferweckten Jesus bestätigt und befestigt worden ist.
Wir haben bis jetzt darüber nachgedacht, was die Auferweckung des gekreuzigten Jesus für uns und unsere Welt bedeutet. Was bedeutet sie für ihn, Jesus, selbst? Ist sie für ihn, Jesus, eine Heimkehr im Sinne einer Rückkehr in eine Heimat, also das Wiedereintauchen in eine göttliche Ewigkeit, die er, menschwerdend, verlassen hatte? So würde Christus sich als der göttliche Odysseus erweisen. Er wäre dann der, der am Ende seiner Weltreise wieder in den Hafen des väterlichen Schoßes einkehrte. Wäre es so, dann wäre sein Kommen und sein Gehen so etwas wie ein grandioser Ausflug, der in einem Mythos erzählt werden könnte. Nein, so ist es nicht. Nicht in einem Mythos, sondern im Evangelium zeigt sich: der, der zum Vater heimkehrt, ist der, der die Wunden, die er auf seinem irdischen Weg geschlagen bekommen hat, mitgebracht hat und immer tragen wird. Und sein am Kreuz geöffnetes Herz wird immer ein geöffnetes sein: solange er bei den Seinen sein wird – bis zum Ende der Tage. Und er ist nun der, der schließlich alles, was ihm gehört, dem Vater zu Füßen legen kann und wird. Auch im dreifaltigen Gott gibt es also so etwas wie ein Zugehen auf Neues und Letztes. Also: Ostern in Gott? Ja, das müssen wir wohl sagen. Doch hier stoßen wir dann auch an Gottes unbegreifliches Geheimnis und versagen unsere Worte.