Die Schriftstellerin und Sprechkünstlerin Nora Gomringer war am 16. Juni 2016 zu Gast bei der Wiener Poetikdozentur «Literatur und Religion» mit dem Vortrag: Man sieht’s. Der Gott zwischen der Zeilen der Nora G. Mit diesem Titel war das Weiß zwischen den Zeilen als möglicher Platzhalter für «Gott» angezeigt. Im Anschluss an ihren Vortrag, der um das Gedächtnis, den Namen, das Herz, das Mitgefühl und vieles andere mehr kreiste, entspann sich das folgende Gespräch mit dem Theologen Jan-Heiner Tück.
Tück: Nora Gomringer, in Ihren Gedichten finden sich immer wieder Spuren, die auf die Shoah, die Auslöschung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten, verweisen. Stellvertretend möchte ich die Gedichte Die Mädchen in Bergen-Belsen1, Wie erkläre ich2 und Und es war Tag3 nennen. Was war für Sie der eigentliche Anstoß, sich mit dem Abgrund der jüdischen Leidensgeschichte, die Emmanuel Levinas einmal die «Passion der Passionen» genannt hat, näher auseinanderzusetzen – und dann Gedichte zu schreiben, die dem Geschick der Opfer einen Erinnerungsort in der Sprache geben?
Gomringer: Ja, warum schreibe ich diese Gedichte. Warum schon so früh, unbeirrt und unbeirrbar, obwohl die Kritik natürlich nicht ausbleibt: Wie kann man nur? Nichts damit zu tun gehabt und schreibt, als wär‘s ihre Geschichte! Es ist vermessen, es ist hochmütig, es ist frech.
Sicher schreibe ich Gedichte mit dieser Thematik, um mich in meinem Fühlen zu versichern, zu kallibrieren und, ja, auch um immer weiter das Abklingen der Geschichte mit meinen Möglichkeiten aufzuhalten.
Als Zehnjährige hatte ich ein Buch als ständigen Begleiter: Eine kleine Reclam Gedichtesammlung war das. Darin fanden sich neben Texten von James Krüss und Franz Hohler das himmeltraurige Gedicht «Janusz Korczak und die Kinder» und auch der Text «Ladislaus und Komkarlinchen».
Diese beiden reimenden Gedichte gaben den Anstoß, um mit meiner Mutter fragend, langsam, tastend, ehrlich und ernst über die Shoah, den Krieg, unsere Familie im Krieg zu sprechen. Von da an hat der Dialog nicht aufgehört, bleibt lebhaftes Band zwischen den Generationen. Mein Großvater war Mediziner, SS-Offizier, Deserteur, entnazifizierter Arzt, ein ausgezeichneter Diagnostiker, «Storchentante» und Christ, dazu Vater von drei Kindern. Meine Großmutter mütterlicherseits eine Frau wie viele andere dieser Zeit: Politisch eher uninteressiert, nur Schneid und Stand waren wichtig. Fortkommen, Weiterkommen in der Welt, sozialer Aufstieg zählte. Wir sind sechs Enkelkinder in diesem Familienzweig. Die Unsicherheit meiner Mutter um die Taten ihres Vaters im Krieg, das fehlende Gespräch darüber in Nachkriegsdeutschland, die Fassungslosigkeit der emanzipations- und friedensbewegten Frau der 60er und 70er Jahre (meine Mutter ist Jahrgang 1941) über die Kriegsgräuel, vielleicht sogar die irrationale Frage meiner Mutter nach der eigenen Schuld haben mich umgetrieben. Ich war und bin ein Mama-Kind, bin meiner Mutter sehr verbunden, sehe die Welt in vielerlei Hinsicht durch ihre Augen. Ich glaube, das war sehr früh in mich eingeprägt. Mit 11 Jahren stand ich in Auschwitz und blickte in die Vitrinen mit den Haaren, den Zähnen, den verdrehten Brillengestellen, sah die Spionlöcher in den Wänden der Krankenstation, die Holzbaracken, die Betten darin. Es war kalt, meine zwei jüngsten Brüder – damals 25 und 29 – waren dabei. Ich habe Dinge sicher etwas zu früh erfahren. Aber es hat mir dann eben auch die Welt früher erschlossen.
Das sind in der Tat außergewöhnlich frühe Prägungen. Anders als viele Kriegsenkel, die in ihren Familien das Schweigen über die dunkle Seite der Vergangenheit gewissermaßen geerbt haben, sind Sie mit der Wunde «Auschwitz» früh konfrontiert worden. Außergewöhnlich auch, dass Sie das Thema ganz konkret im Blick auf die eigene Familie angegangen sind. Das ist unbequem, bricht Tabus, ist aber – gerade für Angehörige der dritten Generation – auch wichtig, um ein reflexives Verhältnis zum Umgang mit der Vergangenheit in der eigenen Familie auszubilden. Schon in Ihrem Buch «Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren» haben Sie öffentlich ausgesprochen, dass Ihr Großvater SS-Offizier gewesen ist und zugleich humanistisch hochgebildet war. Er konnte Latein, Griechisch und Hebräisch. Die geistige Topographie Europas, die mit den Orten Roms, Athens und Jerusalems verbunden ist, war ihm offensichtlich wichtig und vertraut. Dennoch hat er als SS-Mann genau an der Zerstörung dieser Topographie mitgewirkt. Was denken Sie über das dunkle Rätsel dieses Widerspruchs?
Gomringer: Ich entschuldige damit nichts, aber ich sehe Menschen auch immer als Wesen ihrer Zeit. Mein Opa hatte sein medizinisches Examen in Würzburg bestanden und bekam mit seinem Zeugnis auch seinen SS-Ausweis ausgehändigt – so wird es in der Familie erzählt. Da gab es kein dezidiertes Dafür, aber eben auch kein vehementes Dagegen. Die Stationen der militärischen Karriere führten dann alle in den Osten und dort gab‘s Schrecken, aber auch immer Glück für meinen Opa, der weg war, wenn‘s «arg» wurde, spontane Erschießungskommandos erfolgten etc. Meine Mutter und ich haben das in Ludwigsburg anhand seines Fahrtenbüchleins nachgeprüft und waren erleichtert, erschüttert, sehr still in diesen Tagen.
Ich kann nicht gut urteilen wegen der großen zeitlichen Distanz. Ich kann die einzelne Tat als verwerflich, aber die gesamte Haltung als «bemüht menschlich» bezeichnen. Im Krieg – so schreibt es auch Swetlana Alexijewitsch4, viele schreiben es so ... – verändern sich die Menschen. Und es sind Veränderungen, die kein Davor mehr zulassen. Das ist das Verheerende, die Kollektiverfahrung des Falls durch Grausamkeit. Handlungen, die Verzweiflung und Unüberlegtheit ausdrücken, am schlimmsten aber: Willkür. Allein der Grad an Erschöpfung muss an bestimmten Orten zu grässlichen Taten geführt haben. Perfide, menschenverachtende Taten passieren oft dort, wo die Menschen ihrer Basisnatur am nächsten sind: in körperlicher Not durch Auszehrung. Ich denke an die Folterungen britischer Soldaten durch japanische Militärs in Burma, wie geschildert durch autobiographischen Bericht von Eric Lomax. Auch an die schrecklichen Taten, die KZ-Gefangene einander antaten, wenn Hunger und Not sie dazu trieben, sich gegenseitig die Kappen zu stehlen, was für den Bestohlenen den sicheren Tod beim Appell bedeutete. Erst wenn Müdigkeit, Hunger, Durst und Kälte aufgefangen sind, graduiert der Mensch langsam zum Wesen. Dieses Wesen erst ist dann befähigt, sich durch Kultur auszudrücken, sich bereichern, trösten, leiten zu lassen. Erstaunlich die unter uns, die langes Leid ertragen und dabei von einer geistigen Idee, Sprache, Inspiration, ethisch-moralischem Gerüst gestützt sind. Vielleicht sind sie als «selig» zu bezeichnen. Im Wort, in der zärtlichen Geste ist das Heil immanent.
Mein Großvater war ein junger Mann, verführbar, beeindruckbar, einer, der gerne und wegen all seines Wissens «mitspielen» wollte. Eine Rolle spielen in der Gesellschaft, die uns umgibt, ist uns ja generell wichtig. Dafür werden wir ausgebildet. Sie in ihren Ausprägungen zu kritisieren, Aktionen des Widerstands zu planen und durchzuführen, das basiert auf Mut und auch politischer Weitsicht. Sophie Scholl war entsetzter über das, was sie um sich herum wahrnahm als mein Großvater. Ich habe lange nicht verstanden, dass der Krieg so kollektiv dann auch wieder nicht ist. An dem ausfransenden Ende des Krieges (vielleicht ist er als Gewebe am besten bezeichnet), an dem Du stehst, da sieht er ganz anders aus. Da sieht er so aus, wie Du ihn sehen «kannst».
Die Erschütterung, die Stille, die zwischen Ihrer Mutter und Ihnen während der Recherche in Ludwigsburg herrschte, führt mich zu einer weiteren Frage: Wie von dem sprechen, über das man nicht sprechen kann? Viele Überlebende haben ja das Paradox ins Wort gebracht, nicht angemessen sprechen, aber noch weniger einfach schweigen zu können. Welche Möglichkeiten hat das Gedicht heute, eine vom Schweigen angereicherte Sprache zu sprechen, die neben dem ausdrücklich Gesagten mitlaufend im Weiß «zwischen den Zeilen» Zeugnis ablegt?
Gomringer: Ein Gedicht hat eine Aura. Diese ist vielleicht wie ein Echoraum für die spezifische, dem Wort immanente Aura zu beschreiben. Die Kumulierung von Kraft. Ein Wort in einem poetischen Kontext, umsichtig ausgewählt für die Zeile, zwischen vielen Möglichkeiten als die wesentliche erkannt, vermag durch Effekt eine Art Kettenreaktion auszulösen. Im besten Falle führt diese zu einer Art Kommunion im Geiste zwischen Leser und Autor. So zumindest strebe ich es an. Mein erstes Ziel ist nicht die unbedingte Eigenheit um der Sprache willen. Vielleicht ist mein lyrisches Lexikon deshalb die Sprache des Alltags. Ich vertraue da eben auch den Wörtern, dass sie im Kontext eines Gedichtes ihre Magie ausstrahlen. Ich habe das oft genauso erlebt.
Ein Gedicht ist – wie ein Kunstwerk der Bildenden Kunst – eine physische Sache, ist oft Druckerschwärze auf Papier oder Gesang in einem Kehlkopf. Beinahe berührbar, auf jeden Fall «in der Welt». Dieser Umstand allein zeigt einen kleinen Widerstand gegen die Welt reiner Vergeistigung auf. Materialisierung zum Widerstand gegen das Verschwinden. Finden Text oder Lied dann Verbreitung, ist gleich Anspruch geschaffen. Die Sache ist– wenigstens für eine Weile – nicht mehr wegzudenken. Ich schreibe oftmals Gedichte, um mir ein Gedächtnis über einen bestimmten Sachverhalt zu schaffen. Memento pieces. Once they are here, they cannot be negclected without consequences.
Der physische Körper des Gedichts – kann er «intakt» bleiben, wenn es um die Bezeugung der physischen Vernichtung von Menschen geht?
Gomringer: Lily Brett, die amerikanische, jüdische Autorin schreibt harte Gedichte über die Shoah.5 Sie beschreibt Abläufe der Tötungsmaschinerie, man hört fast die leblosen Körper aneinanderklatschen, wenn der Gabelstapler sie übereinanderwälzt, um Platz zu schaffen für noch mehr leblose Körper. Die Gedichte sind im wahrsten Sinne schmal, haben kaum Körper, bieten viele Zeilen, die nur zwei, drei Wörter kennen. Alle Wörter halten sich wie ängstliche, kraftlose Schwimmer am linken (Becken-)Rand auf, wagen sich nicht in das Ungewisse des weißen Blattes. Es könnten Haie in diesen Gewässern ihre Kreise ziehen ...
Dabei ist ihre Sprache eben so kompromisslos, schont uns nicht. Sprache und die Bilder in ihr als Zumutung. Vielleicht auch, um als Autor zu sagen: All diese Verbrechen sind nicht vergangen, nur weil sie Jahrzehnte entfernt liegen. Sie sind eingeschrieben in die Biographie der Menschheit auf dem Planeten. So etwas vergeht nicht, und dabei schreibt Brett eben nicht anklagend, sondern alle einbeziehend. Sich selbst, die Kriegsverbrecher, alle zukünftigen Generationen. Insofern sind die wenigen Worte, die die Verse bilden, vielleicht viel eher wie Kopfspringer am Rand zu verstehen, die – wenn abgesprungen – kraftvoll das Weiß durchpflügen und auf ihre eigene Kraft setzen.
Manchmal ist die mächtigste Form der Sprache der Monolog. Ich habe das und das getan. Da! Ich hab es gesagt! Es ist in der Welt. Diese Beichte wird nun von der Welt mit ihren Abläufen prozessiert, untergewalkt. Und Gott vergibt. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter und ich bei unseren Recherchen irgendwie leiser sprachen, vielleicht sogar flüsterten. Nach den Tagen im Archiv kicherten wir oft hysterisch und befreit und wir genossen das Zusammensein, egal aus welcher Motivation heraus wir nach Ludwigsburg gekommen waren. Mit Flüstern kann viel beginnen. Gedichte, die auch flüstern können, sind die besten.
Aura, Gedächtnis, Sprache, Körper … das veranlasst mich, etwas genauer auf Ihr Gedicht Und es war Tag./ Und der Tag neigte sich6 zu sprechen zu kommen. Sie verwenden hier ein Stilmittel der hebräischen Sprache, das in der Bibel oft vorkommt. Ich meine das Bindewort «und» (we). Das Gedicht vollzieht das Eingedenken an das jüdische Leid so, dass es die Stationen von Deportation und Vernichtung aneinanderreiht und memoriert («und es war und es war und es war …»). Dinge wie Leder, Koffer und Mäntel werden ebenso genannt wie Waggons und die Rampe, der menschliche Körper begegnet nur fragmentiert durch Münder, Hände und Blicke, von Wimmern, Weinen, Flüstern und Raunen ist die Rede, auch von einem müden Gebet… Aneinanderreihen und sagen, was war. Mehr nicht, das aber genau. Die parataktische Reihung neutralisiert jedes Warum, sie lässt Leerstellen und Freiräume «zwischen den Zeilen». Bemerkenswert auch, dass die Strophen des Gedichts immer kürzer werden, bis die Reihung schließlich abbricht. Die im Titel angezeigte Neigung wird im «Körper» des Gedichts selbst realisiert. Am Ende steht ein zerrüttetes Wort, das – auch typographisch – aus der Reihe fällt und dem durch die Silbe «Au» selbst ein kreatürlicher Schmerzlaut eingeschrieben ist:
Und es war ein Ruck
Und es war wahr
Und es war ein seltsamer Name
Au-schw-itz
Dichtung kann die Toten vor dem zweiten Tod des Vergessens bewahren – ins Leben zurückrufen oder gar retten kann sie sie nicht. Das aber wäre vielleicht der Fluchtpunkt des Eingedenkens. Walter Benjamin jedenfalls hat einmal bemerkt: «Im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, sowenig wir sie in unmittelbar theologischen Begriffen zu schreiben versuchen dürfen.»7 Das dürfte auch auf die Propheten anspielen, die ja die Hoffnung ausgesprochen haben, dass die Namen der Toten in das Gedächtnis Gottes eingeschrieben sind. Bei Jesaja heißt es: «Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.» (Jes 56, 5) Spielt diese religiöse Tiefendimension der Erinnerung für Sie eine Rolle?
Gomringer: Darauf kann ich sehr einfach mit Ja antworten. Einen «ewigen Namen» zu erhalten ist ein unumstrittenes Sehnsuchtsmotiv. «In Gottes Gedächtnis eingeschrieben» zu sein, wie unverdient wäre es, wie heilend. Für die Opfer der Shoah allgemein wie für jeden bereuenden Täter im Besonderen. – Die Sache mit den Namen beschäftigt mich lange. Während unsere Kultur auf eine stärkende Individualisierungsfunktion des Namens abzielt, wir Namen idolisieren, karikieren und auch Vorfahren mit ihnen wieder ins Gedächtnis rufen, gibt es ja Kulturen, in denen der Einzelne viel weniger hervorgehoben wird und die Namenskultur auch demzufolge eine andere ist.
Wir sind gemäß unserer Namen auch als Geistesgeschöpfe, quasi als «Ideen von uns» benannt. Uns kann man rufen, wenn wir im anderen Raum, am hinteren Ende des Gartens sind. Wir sind dort noch lebendig, wo die Stimme eines Lebendigen uns erreicht, wenn er uns ruft.
Am Ende meiner Vorlesung bei Ihnen habe ich 50 Namen laut ausgesprochen. Bei der Gedenkfeier um die Opfer des 11. Septembers hat man alle Namen der Verstorbenen laut vorgelesen. Das ist erschlagend. Und doch ist es «nur» eine menschliche Geste. Eine Aufzählung, fast einer Inventur auf der Negativseite gleich. Aber in dieser Geste der Erwähnung liegt auch immer eine Anrufung. Ein Bannen-Wollen des Geistes der Person, die durch die namentliche Anrufung erreicht werden soll. Schamanisch, uralt, sehnsuchtsvoll an Gott gewandt.
Dass Sie in Ihrem Wiener Vortrag die Namen der Opfer des Terror-Anschlags von Orlando einzeln genannt haben, war sehr berührend. Es wurde schlagartig deutlich, dass hinter der Nachrichten-Ziffer «50 Opfer» Menschen mit einer einmaligen Geschichte stehen. Das hat mich spontan erinnert an eine eindrückliche Begegnung mit einem 91-jährigen Shoah-Überlebenden, der hier an der Universität Wien vor kurzem gesprochen hat. Er erzählte, dass er die NS-Praktiken der Dehumanisierung nur deshalb überlebt habe, weil er in der Kindheit die hebräischen Psalmen auswendig gelernt hattee. Während des Todesmarsches habe er im monotonen Gleichmaß der Schritte den Lobpreis Israels vor sich hin gemurmelt. Das war sein inneres Rüstzeug, mit dem er der Zerstörung draußen standhalten konnte. Seine Eltern, alle Freunde hat er in den Lagern verloren. Als er während der Rede innehielt, aufsah und leise, aber deutlich und sichtlich bewegt die Namen seiner vier ermordeten Freunde nannte, fuhr es mir durch Mark und Bein. Jeder dieser Namen hätte eine Zukunft vor sich gehabt, stattdessen: Asche, Asche, Asche, Asche…
In Wien haben Sie auch erzählt, dass Sie am 11. September 2001 in New York der Katastrophe so verstörend nah waren. Die Erlebnisse und auch die Wahrnehmung des Verlustes nicht nur menschlichen Lebens, sondern auch der vielen Unterlagen, Akten, Dokumente, die menschliches Leben begleiten und zum Teil bestimmen, muss Sie beim Anblick des zerstörten Word Trade Centers getroffen haben. Zu Asche gewordene Menschen, menschliche Spuren und damit Spuren der Menschlichkeit.
Gomringer: Den 11. September 2001 und seine verheerenden Auswirkungen habe ich nur in zwei Texten explizit festgehalten. Der eine – «New York Tar»8 – ist der Versuch, die Situation nach dem Unglück zu beschreiben. Tastende, kleine Beobachtungen sind es, verbunden mit zwei, drei größeren Aussagen. Im Ganzen eine Fassungslosigkeit, die sich in Sinnsuche durch Sprache ausdrückt. Der andere Text ist verschwunden, wie auch die Sache, die er beschrieb. Ich bin nach den Wirren dieses Tages an einer Autoimmunkrankheit erkrankt und habe sie gut sechs Jahre herumgeschleppt, bis eine definitive Behandlung mir Ruhe gebracht hat, aber eben auch den Verlust eines wichtigen Organs. Diesen Umstand habe ich in dem Text «Souvenir» beschrieben. Als solches Souvenir hatte ich die Krankheit aus New York mitgenommen. Und mit meiner Genesung sind Text und Souvenir verschwunden. In einem Radiostück zehn Jahre nach dem 11. September 2001 habe ich mit meinem Freund und Kollegen Malte Göbel einige Eindrücke verarbeitet. Wir haben das zaghaft getan, beide – glaube ich – mit dem Staunen von zwei Kindern, die wir an diesem Tag irgendwie noch waren (21 und 23 waren wir) und auf jeden Fall wieder wurden. Ohnmächtig, mutlos, nur nach Überleben ausgerichtet, übermutig – eine seltsam wache Mischung. Kriegswirren und Fluchtsituationen nach einem Angriff kann ich sehr gut nachfühlen, Panik und Überlebensenergien, auch Verschlagenheit, um ans persönliche Ziel zu gelangen. In love and war... sagen sie doch immer. So ist es. Alles ist anders, Moral und Ethik aus dem Fenster, wenn Angst und Auszehrung herrschen. Nur sind unsere war-Szenarien natürlich auch Fußballspiele im Stadion, bei denen Panik ausbricht, Massenveranstaltungen, bei denen Menschen zerquetscht, getreten werden etc.
Imre Kertész hat im Blick auf die Anschläge vom 11. September eine abgründige Aufzeichnung hinterlassen: «Auschwitz setzt sich fort, überall, in allem. New York = Auschwitz. Wer sähe das nicht?».9
Gomringer: Wenn man Auschwitz als menschentötende Maschinerie begreift, muss man zustimmen. Auch der Terror tut genau dies: Er plant und löscht aus. Allerdings ist es etwas anderes, über Jahre ein Lager der Schmerzen, Erniedrigungen, des Todes zu betreiben, in dem die Angst der Opfer wie in einem widerlichen Garten gepflegt, kultiviert wird. Die «Konzentration» ist im wahrsten Sinne die Tötung der Sinne, des Verstandes, der Lebensfähigkeit. Nicht zu wissen, was kommt, an einem Morgen, einem Abend – wie in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt – ist grässlich für die Opfer, die überleben, die Berichterstatter und natürlich die Angehörigen, die von einem auf den anderen Moment geliebte Menschen entbehren müssen. Wer bei einem Terrorakt stirbt, ist aber oftmals einfach fort, musste nicht jahrelang leiden und sich viele Male auslöschen lassen. – Ich bete, dass Deutschland kein widerlicher Garten wird, in dem Angst wächst und gezüchtet wird von grausamen Gärtnern. Hätte ich Kinder, ich würde ihnen Toleranz und Kraft für das Miteinander und Fähigkeiten für offene Kommunikation wünschen. Und «mein Europa»: grenzenlos, inspiriert und fest verbunden.
Das Herz ist das innere Archiv eines Menschen, in dem Erinnerungen gespeichert werden, es ist das Gewebe, wo die Fäden zusammenlaufen und der Stoff unserer Geschichten aufbewahrt wird. In Ihren Gedichten kommt das Herz immer wieder vor. Sie ringen diesem abgenutzten Grundwort immer wieder neue Facetten ab und bereichern die poetische Kardiologie um unverbrauchte Bilder. So haben Sie vom Herzen als «Kuckucksei», als «Wollknäuel», als einer «Artischocke» gesprochen, die Schicht um Schicht geschält und freigelegt werden kann, oder vom Herzland, das Eden beherbergen könnte.10 Sie haben den Topos des brennenden Herzens in Ihrem Gedicht Brandstifter11 poetisch fortgeschrieben. Auch in Ihrem Wiener Vortrag haben Sie die «Kardiogrammatik» gestreift und einen religiösen Assoziationsraum aufgespannt: Wie im «Tabernakel» das Allerheiligste geborgen wird, so hütet das Herz das Kostbarste. Anders als das cor incurvatum in seipsum, von dem Augustinus gesprochen hat, setzt sich das lebendige Herz der Wirklichkeit immer wieder aus, ist berührbar, durch andere verwundbar, es bleibt nicht gleichgültig, sondern zeigt «Mit-Gefühl»… Wie ist es dazu gekommen, dass das Herz zu einem «Herzwort» Ihrer Dichtung geworden ist?
Gomringer: Anna S. starb mit Mitte zwanzig, ich war nur wenig älter. Sie war meine Freundin und Nachhilfeschülerin und ich halte seit diesen Zeiten losen Kontakt zu ihrer Mutter, die der Tod der einzigen Tochter schwer verwundet hat. Ich schreibe bewusst nicht getroffen oder mitgenommen... es ist eine so heftige, schwere Wunde entstanden, die offen klafft und der die Zeit lediglich eine gewisse Gewöhnung abgerungen hat. Sicher keine Akzeptanz, sicher keine Erträglichkeit. Dein Kind ist tot, ist hin. Da kommt nichts anderes, diesen Schmerz zu lindern, die Sehnsucht aufzuheben. Nicht bei Anna und ihrer Mutter.
Ich habe diesen Abschied, der ein quälender war – Annas transplantiertes Herz hat aufgegeben – fast nur aus der Ferne begleitet. Diese Ferne, meine Überlegungen zum Thema der Maschinerie des Herzens als Pumpstation und Samenkorn, als aussäbar und medizinisch einsetzbar, als Motor und Archiv, kamen zusammen bei der Behandlung des Themas mit der Sprache der Poesie. Kardiogrammatik ist eine gute Verbindung von Strenge und Determination. So lange die Herzen schlagen, bestimmen sie auch, von welcher Art die Information, die sie befördern, ergo das Blut, beschaffen ist.
Das Herz ist auch ein Topos der religiösen Sprache…
Gomringer: Ja, religiöse Darstellungen der Gottesmutter aber auch die von Jesus zeigen flammende Herzen. Im Mexiko, wo ich ja in den letzten Jahren immer etwas länger sein durfte, sieht man solche Abbildungen ständig. Sie sind meist sehr kitschig, aber auch tröstlich. Maria oder Jesus sehen recht verklärt drein, weisen auf ihr Herz und laden damit zur Gemeinschaft ein. Sieh hier!, dies ist mein Herz, es brennt vor Liebe zu Gott, der Welt, zu Dir. In der deutschen Sprache wimmelt es vom Herzen: herzliche Grüße, etwas auf dem Herzen haben, das Kind unterm Herzen tragen. Ich herze dich, das emoji des Herzens ist ständig in Gebrauch in den sozialen Netzwerken, «Herzchen» nennen wir jemanden, den wir noch freundlich, aber auch schon ein bisschen herablassend ansprechen möchten. «I ♥ NY» ist ein Meilenstein der modernen Schrift, des Slogans etc. geworden. Zart-theologisch ist doch sicher das Herz auch ein bisschen überstrapaziert als die Weichmacherzentrale der Vorstellungen von der Güte Gottes, oder?
Ich bin noch in den 80ern im Religionsunterricht gesessen und habe ganz klar erklärt bekommen, dass es natürlich eine Hölle gibt und der liebe Gott nicht alles vergibt und vergisst. Also Obacht hieß das. Als wir das allerdings dem Pfarrer erzählten, tauchte die Lehrerin nie mehr auf. Ich nehme an, man hat sie gefeuert…
Ich denke aber oft: Schade, dass sie weg war. Wie können wir uns erdreisten, zu denken, wir wüssten, was die Absicht unseres Schöpfers war? Die Bibel – das wissen wir doch – ist eine Geschichtensammlung, entstanden als alle Protagonisten längst verschwunden waren, gebündelt und herausgegeben, als es schon wahre editorische Absichten gab. Die Bibel ist kein natürliches Werk. Sie ist vortrefflich gemachtes Wort. Es ist schon so: Hat man einen Herzschlag, schlägt er auch auf einen ein. Man kann sich nicht wehren. Wer depressiv ist und einen Todeswunsch kennt, der verzweifelt manchmal regelrecht daran.
Wer ein Herz hat, ist verwundbar. Und indem Gott, wie die Bibel erzählt, die Geschichte der Menschen zu seiner Herzensangelegenheit macht, geht er ein Risiko ein, keine Frage. Im Psalter wird die ganze Palette der menschlichen Lebenswirklichkeit vor diesen Gott getragen: Jubel, Lobpreis und Dank, aber auch Seufzen, Bitten und Klagen! Gott, der Gerechte, wird angefleht, dass er die Frevler doch endlich zur Rechenschaft ziehe – und Gott, der Barmherzige, dass er die Schuld noch einmal verzeihe. Im Attribut der Barmherzigkeit (lat. misericordia) wird der Abgrund der menschlichen Misere mit dem Herz Gottes in Verbindung gebracht. Das Wunder, dass der Herr das Elend seines Volkes gesehen hat, hat Origenes von der passio caritatis, der Leidenschaft der Liebe Gottes, sprechen lassen. Im Blick auf die Passion des Sohnes hat der Alexandriner das philosophische Attribut der Apathie umgeschrieben und den Satz notiert: Ipse pater non est impassibilis12 – selbst der Vater ist nicht unberührbar, nicht unverwundbar. Sichtbarer Ausdruck dieser Barmherzigkeit ist das durchbohrte Herz des Gekreuzigten – und damit bin ich zurück bei Ihren Gedichten. Sie haben einmal auf die Seitenwunde Christi angespielt und vom Gekreuzigten als einem «Kummerkasten aus Holz mit Schlitz»13 gesprochen. Das ist eine verstörend treffende Wendung, die ins Zentrum der theologischen Kardiogrammatik zielt: Das aufgeschlitzte Herz als Resonanzraum für alles das, was uns bewegt. Auch in Gedichten wird die ganze Lebenswirklichkeit des Menschen in Sprache gebracht und manchmal vielleicht auch vor ein Du getragen, bei dem all unser Kummer aufgehoben wäre… Gibt es für Sie Verbindungslinien zwischen Gedicht und Gebet?
Gomringer: Ich denke, sie sind Geschwister. Nicht umsonst tragen viele Gedichte den Titel «Gebet». Das Beten ist neben der Aussicht auf die Auferstehung das schönste Geschenk Gottes an uns. Nach egal wieviel Jahren Schweigen und Verfehlen dürfen wir einfach die Stimme heben und das Schwere hervorseufzen oder uns von Herzen freuen und danken. Da ist ein Ohr. Daran will ich glauben. Über die sozialen Netzwerke bin ich recht gut verbunden mit ein paar politisch aktiven Vertretern der LBGQ Szene in Deutschland und werde durch sie und ihre Nachrichten für eine andere Sicht und Nuancen in der Sprache sensibilisiert. Gott, ein geschlechtsloses und damit jedes Geschlecht besitzendes Wesen. Die Heilsverkündung Jesu ist so Nachricht aus einem Reich geführt von einem Mann-Frau-Alles-Wesen. Ich mag das. Zu so einem Wesen kann ich beten. Es hat viel erlebt und erfahren in seinen Häuten. Letzthin stand ich im Petersdom in Rom und sah wieder einmal die Pietá und zum ersten Mal in meinem Leben hat mich ihr Anblick nicht besonders berührt. Zart und weiß und weit weg sah sie aus. Ich musste die ganze Zeit an weiße Schokoladen-Kuvertüre denken. Und an die unzähligen Bilder klagender Mütter in diesen Zeiten, in denen Flüchtende an die Strände Europas gespült werden. Viele tot und eben auch viele Kinder tot und in den Armen ihrer Eltern. Diese Bilder wandern um die Welt. Die Pietà ist allgegenwärtig, als wären wir im Krieg. Diese Opfer sind menschgewordenes Gebet, unser Flehen. Die Pietà ist manifestiertes Gebet. Und ich war erschrocken, dass ich sie als solches erkannt habe. Ich vermeine, so meiner eigenen Ignoranz gegenwärtig geworden zu sein. Darüber lässt sich dichten, doch zunächst beten.