Leben wir in der Endzeit?Chiliastische Spielarten des Christentums heute

Abstract / DOI

Chiliastic Forms of Christianity. With a certain simultaneity to de-eschatologizing tendencies in church and theology during the 19th and 20th centuries there were also counter-movements. In end-time movements highest attention was paid to the apocalyptic imagery of the Bible. The focus was less on the expectation of a new heaven and a new earth than on the destruction of the existing world in cosmic catastrophes. This eclectic reception of apocalyptic texts of the Bible took place on the one hand in revival movements of Protestantism, from which evangelical and pentecostal-charismatic forms of piety grew, which also found response in the Roman Catholic Church. On the other hand, this development took place in numerous Christian communities, which understood themselves as firm counterparts to the existing Christian churches, such as the Advent Movement, from which the Seventh-day Adventists emerged, or the Bible Student Movement, from which the organization Jehovah’s Witnesses developed. Of particular interest was the interpretation of events in view of the end of the world, which included the appearance of the Antichrist, the millennial kingdom as well as the expectation of doomsday scenarios. 

Die religiös motivierte Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches, auch bezeichnet als Chiliasmus (von chilia ete, griech.: tausend Jahre) bzw. als Millenarismus (nach millenarius, lat.: tausendjährig) hat Menschen fasziniert, motiviert und in Bewegung gesetzt, manchmal auch zu Fanatikern gemacht. Märtyrer haben für das Tausendjährige Reich gelitten, religiöse Minderheiten haben dafür ihr Leben riskiert. In der Geschichte des lateinischen Christentums war der Chiliasmus vor allem eine Protestbewegung gegen die offizielle Religion. Im deutschsprachigen Kontext wird eher von Chiliasmus, im englischsprachigen eher von Millenarismus gesprochen. Die Schreibweisen variieren – auch im deutschsprachigen Bereich: Millennarismus, Milleniarismus, Millennialismus, etc. Die Vertrautheit mit Inhalten, Vorstellungswelten und Begrifflichkeiten chiliastischer Zukunftserwartung ist im Kontext kontinentaleuropäischer Religionsforschung und Theologie nur begrenzt gegeben.

1. Zur Wirkungsgeschichte von Offb 20, 3

Nur ein einziges Mal wird im Neuen Testament die chiliastische Erwartung erwähnt. Gesagt wird, dass die Märtyrer wegen «des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen» auferstehen und «mit Christus tausend Jahre» regieren werden (Offb 20, 3). Im Kontext der drei letzten Kapitel der Johannesapokalypse stellt sich das endzeitliche Szenario zur Durchsetzung der Gottesherrschaft wie folgt dar: Bändigung des Bösen für 1000 Jahre, Herrschaft der Märtyrer und Bekenner mit Christus in einem Reich des Friedens; eine kurze Zeit bekommt der göttliche Widersacher vor dem Ende noch Raum, dann folgen seine endgültige Entmachtung, das universale Weltgericht, die allgemeine Auferstehung der Toten, die Trennung der Gottlosen von den Gerechten, die endgültige Aufrichtung einer neuen Schöpfung, in der alle Tränen abgewischt sind und der Tod nicht mehr sein wird.

Im Verlauf der Theologie- und Kirchengeschichte erfuhr die chiliastische Utopie unterschiedliche Rezeptionen und Interpretationen. Irenäus (ca. 135–202) hielt in seiner antignostischen Hermeneutik an ihr im Unterschied zur Theologie des Ostens fest. Augustin (354–430) deutete das Tausendjährige Reich ekklesiologisch. Joachim von Fiore (1130–1202) war einer der mittelalterlichen Theologen, der die Erwartung innerweltlicher Vervollkommnung vertrat. In den reformatorischen Bekenntnissen wird der Chiliasmus ausdrücklich verworfen, also diejenigen Lehren, «nach denen vor der Auferstehung der Toten eitel [reine] Heilige, Fromme ein weltliches Reich aufrichten und alle Gottlosen vertilgen werden» (CA Art. 17, 1530). In der reformierten Tradition finden sich vergleichbare Abgrenzungen, u. a. im Art. 11 der Confessio Helvetica Posterior (1566). Trotz offizieller kirchlicher Ablehnung, die auch in der römisch-katholischen Kirche bestimmend war (vgl. die Lehraussage aus dem Jahr 1944, dass auch der gemäßigte Millenarismus nicht sicher gelehrt werden kann, Denzinger 3839), standen zahlreiche Bewegungen im Einflussbereich chialistischen Gedankengutes: u. a. die Hussiten bzw. Taboriten, der sogenannte linke Flügel der Reformation, der englische Protestantismus des 17. Jahrhunderts, der Pietismus des 18. und erweckliche Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Einzelne Vertreter gingen z. B. davon aus, dass es vor dem Jüngsten Tag einen Heilszustand auf Erden geben könne, gekennzeichnet durch die Bekehrung von Heiden und Juden, die Erneuerung kirchlichen Lebens und die Überwindung der Gegner der Kirche. U. a. die Verbindung zwischen chiliastischen Erwartungen und ethischen Handlungsorientierungen konnte zu sozialen und politischen Wirkungen führen und bereitete den Weg für die Säkularisierung chiliastischer Erwartungen, vor allem die Verbindung von Chiliasmus und säkularem Fortschrittsoptimismus. Die Vorstellung eines irdischen Friedensreiches war in der Aufklärung (u. a. bei Immanuel Kant und Gottfried Ephraim Lessing) und der aufkommenden Geschichtsphilosophie bestimmend. Elemente des Chiliasmus begegnen in der marxistischen Utopie. Im 20. Jahrhundert integrierte Ernst Bloch den Chiliasmus in eine Theorie der Utopie, die auch in Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung (Erstausgabe 1964) wirksam wurde.

2. Neuzeitliche Distanz zum Chiliasmus

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts meinte Ernst Troeltsch im Blick auf die zeitgenössische Kirche und Theologie, dass das eschatologische Büro zumeist geschlossen sei.1 Mit einer gewissen Gleichzeitigkeit zu ent-eschatologisierenden Tendenzen in Kirche und Theologie im 19. und 20. Jahrhundert kam es jedoch auch zu Gegenbewegungen. Es kam zu einem intensiven Naherwartungsglauben und neuen eschatologischen Aufbrüchen, in denen der apokalyptischen Bilderwelt der Bibel höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.2 Weniger die Schilderung eines neuen Himmels und einer Erde stand dabei im Vordergrund, sondern der Untergang der bestehenden Welt in kosmischen Katastrophen. Fragt man danach, in welchen Gemeinschaftsbildungen diese einseitige und eklektische Rezeption apokalyptischer Texte der Bibel stattfand, so lautet die Antwort: einerseits in der Erweckungsfrömmigkeit des Protestantismus, aus der u. a. evangelikale und pentekostal-charismatische Frömmigkeitsformen erwuchsen, andererseits in zahlreichen christlichen Gemeinschaften, die sich in einem dezidierten Gegenüber zu den bestehenden christlichen Kirchen verstanden, wie der Adventbewegung, aus der die Siebenten-Tags-Adventisten hervorgingen, oder den Ernsten Bibelforschern, aus denen sich die Organisation Jehovas Zeugen entwickelte. Insofern war und blieb das eschatologische Büro keineswegs überall und generell geschlossen. Besonderes Interesse fand dabei die «Deutung von Ereignissen im Blick auf das Weltende», wozu das Auftreten des Antichristen und das Tausendjährige Friedensreich ebenso gehörten wie die Erwartung von «Untergang, Unheil und Grauen».3 Erwartungen, die sich in die Zukunft richten, haben in Endzeitbewegungen Entsprechungen in bestimmten Annahmen zur Entstehung der Welt und des Menschen, in kreationistischen Ideen4 also, die von vorneuzeitlichen Sichtweisen einer ca. 6000-jährigen Welt- und Menschheitsgeschichte ausgehen und eine spezifische Periodisierung der Menschheitsgeschichte vornehmen. Insofern sind Annahmen zum Ursprung und Anfang von Welt und Mensch und vom Ende der Welt eng miteinander verknüpft. Im kreationistischen Gedankengut ist der Widerspruch zur darwinschen Abstammungslehre zusammengefasst, in millenaristischen Perspektiven bzw. im Glauben an das Tausendjährige Reich der Protest gegen den Fortschrittsglauben der Moderne.

3. Chiliasmus – Sondergemeinschaften – Erweckungschristentum

In der Geschichte des neuzeitlichen Christentums haben religiöse Gemeinschaftsbildungen immer wieder einer düsteren Weltbetrachtung Raum gegeben und konkrete Berechnungen für das Weltende und den Tag des Jüngsten Gerichts vollzogen. Man wollte auskunftsfähig sein hinsichtlich der Fragen, was in der Zukunft geschehen wird, wie spät es auf der Weltenuhr ist. Man beanspruchte, verlässliche Deutungen für gegenwärtige weltgeschichtliche Entwicklungen geben zu können. Endzeitvorstellungen dienten auch dazu, die Weltdistanz der eigenen Gruppe und die radikale Absonderung von der Gesellschaft zu unterstreichen. Dies gilt unter anderem für die bereits erwähnte Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen, deren Lehre und Frömmigkeitspraxis in einem spezifischen Sinne endzeitlich geprägt sind. Ein besonderes Interesse gilt den apokalyptischen Texten der Bibel. Die Bilder der Apokalypse des Johannes werden als Vernichtung des Bösen und der Andersgläubigen interpretiert. Nur eine auserwählte Schar kann die Hoffnung haben, in der endzeitlichen Katastrophe zu überleben. In sprachlich und sachlich veränderter Form finden sich vergleichbare Interpretationen der apokalyptischen Texte der Bibel auch in anderen Religionsgemeinschaften.5 Eine Reihe von Gruppen, die herkömmlich als exklusive Endzeitgemeinschaften galten, hat inzwischen ihre endzeitlichen Orientierungen entradikalisiert und neu interpretiert, so etwa die Siebenten-Tags-Adventisten, die Weltweite Kirche Gottes und die Neuapostolische Kirche.

Auch in der evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Laienfrömmigkeit riefen apokalyptische Themen und chiliastische Erwartungen ein großes Interesse hervor. Die kaum zu überblickende Anzahl von Buchtiteln und ihre Auflagenhöhe wie auch verbreitete CDs, Kassetten, Filme, Videos und Internetseiten zeigen, dass Endzeitthemen von dauerhafter Aktualität sind. Nicht wenige Veröffentlichungen in deutschen und Schweizer Verlagen sind Übersetzungen von Büchern, die dem angloamerikanischen Kontext entstammen. Gegenüber Religionsgemeinschaften wie den Zeugen Jehovas gibt es ein ausgeprägtes Differenzbewusstsein, obgleich Themen und Deutungen teilweise konvergieren. Das fraglos bekannteste und überaus erfolgreiche Beispiel eines Endzeitautors, der dem Spektrum des Erweckungschristentums zugeordnet werden kann, ist Hal Lindsey. Durch ihn entstand ein ganzer Industriezweig von Endzeitmedien. Auch wenn seine Schriften in ihren zeitgeschichtlichen Anspielungen durch den Lauf der Geschichte überholt sind, konnten sie sich über Jahrzehnte als marktbeherrschend behaupten. Ohne Übertreibung kann gesagt werden: Wer Lindsey kennt und gelesen hat, kennt fast alle anderen Endzeitautoren auch. Bekannt geworden ist er vor allem durch seinen Millionenbestseller Alter Planet Erde wohin?, der 1971 in deutscher Sprache erschien und zahlreiche Auflagen erzielte.6 Auf amerikanisches Denken hat er bis in hohe Regierungskreise hinein großen Einfluss ausgeübt. Und auch im deutschsprachigen Raum dürfte es kaum einen Endzeitautor geben, der von ihm nicht mit beeinflusst wäre. Lindsey gelang es, das Interesse an biblischer Prophetie und Apokalyptik überhaupt anzuregen. Bei ihm finden sich die Muster gesteigerten chiliastischen Endzeitdenkens, denen zahlreiche Endzeitautoren in den Grundaussagen folgten. Seit Mitte der 1990er Jahre sind es vor allem Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, die das gesteigerte Endzeitdenken in zahlreichen Romanen (Left Behind) popularisiert und dabei Lindsey noch übertroffen haben.7 Die Deutung der apokalyptischen Texte der Bibel, vor allem der Johannesoffenbarung, geschieht nach folgenden Mustern:

Die Geschichte ist Ereignung und buchstäbliche Erfüllung des prophetischen Wortes (dabei sind sowohl prophetische wie auch apokalyptische Texte der Bibel gemeint), das gesicherte Informationen über den Ablauf der Endereignisse enthält.

Die jetzige Generation ist voraussichtlich die letzte vor den bevorstehenden Katastrophen.

Schlüsselsignale belegen eine endzeitliche Situation: Naturkatastrophen, Kriege, das verstärkte Interesse an Satanskulten etc.

Die Gründung des Staates Israel und die Rückkehr der Juden in das «verheißene Land» sind zentrale Endzeitzeichen.

Aus der kommenden Katastrophe wird die Gemeinde durch wunderbare Entrückung, die sich im Verschwinden einzelner Menschen ankündigt, gerettet.

Die großen Machtblöcke greifen Israel in der Endschlacht von Harmagedon an. Auf dem Höhepunkt weltweiter Katastrophen muss alle gottlose Herrschaft weichen, weil der Friedefürst Christus mit seinen Heiligen kommt zur Aufrichtung seines Tausendjährigen Reiches (Offb 20).

Am Ende dieses Zeitalters kommt es erneut zum Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wird. Endgericht und ein neuer Himmel und eine neue Erde stehen am Ende.

Für zahlreiche Ausdrucksformen des Erweckungschristentums gilt, dass chiliastische Erwartungen ein charakteristisches Merkmal darstellen. Mit ihrer wirkungsvollen und weltweiten Ausbreitung – vor allem in ihrer pfingstlich-charismatischen Gestalt, die auch in der römisch-katholischen Kirche große Resonanz fand8 – wurden auch ihre endzeitlichen Erwartungen bekannt gemacht. In pfingstlich-charismatischen Bewegungen werden Geistestaufe und Geisterfüllung nicht allein als persönliche Pfingsterfahrung und Bevollmächtigung zum christlichen Zeugnis verstanden, sondern auch als eine Strategie göttlichen Handelns in endzeitlicher Erweckungsperspektive. Es wäre allerdings einseitig, generalisierend und falsch, in Pfingstlern, Charismatikern und Evangelikalen pauschal weltflüchtige oder hyperaktive Endzeitgläubige zu sehen. Spekulatives Endzeitdenken wird in Kreisen erwecklicher Frömmigkeit auch in seiner Problematik wahrgenommen und zum Thema kritischer Auseinandersetzungen gemacht. Der Hauptstrom evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Bewegungen versteht sich in Kontinuität zum klassischen «heilsgeschichtlichen Missionsdenken»9, das zwischen missionarischer Praxis und eschatologischer Erwartung eine enge Verbindung sieht. Vorherrschend wird ein gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein in erwecklichen Bewegungen jedoch dort, wo fundamentalistische Motive wirksam werden (elitäre Abgrenzung gegenüber anderen Christen, Unmittelbarkeitspathos, beanspruchtes Wissen über die Zukunft, dualistisches Weltbild). Je mehr sich das apokalyptische Bewusstsein fundamentalistisch verfestigt und zu einem isolierten Merkmal der Frömmigkeit wird, desto mehr trennt es sich vom Hauptstrom der christlichen Kirchen und Konfessionen.

Die Lokalisierung des Bösen und Pro-Israel-Aktivitäten

In gesteigerten Formen des apokalyptischen Bewusstseins wird nicht nur die für apokalyptische Erwartungen kennzeichnende Struktur einer vorübergehenden Distanzierung Gottes von der Geschichte und der damit zugelassenen Entfaltung des Bösen und seiner unterschiedlichen Ausdrucksformen ausgesprochen, sondern auch das Böse spekulativ identifiziert. Die apokalyptische Bildersprache der Bibel wird ins Ultrakonkrete gezogen und ihres Geheimnisses entkleidet. Für Lindsey konkretisierte sich das Antichristliche im Bund verschiedener Staaten, der die Grundlage der Europäischen Gemeinschaft bildete. Bis heute bleibt diese Annahme in erwecklich orientierten Kreisen aktuell. Auch für LaHaye und Jenkins kommt der Antichrist aus Europa. Für andere ist der Islam das große antichristliche System. In den Sprachformen konservativer amerikanischer Politiker ging und geht es immer wieder um die Bekämpfung des Reiches des Bösen, die Lokalisierung des Bösen in bestimmten politischen und religiösen Machtsystemen, die zu einer Verschmelzung zwischen apokalyptischen Erwartungen und politischen Verschwörungstheorien führen können. Wer nicht Frieden, sondern Krieg und Chaos im Nahen Osten erwartet, kann eine Politik, die um Verständigung, Interessenausgleich und Frieden bemüht ist, nur als Störfaktor betrachten.

Chiliastische Erwartungen sind der Hintergrund für das in den letzten Jahrzehnten ständig gewachsene Israel-Engagement zahlreicher Evangelikaler, Pfingstler und Charismatiker, das sich überaus vielfältig konkretisiert (Unterstützungsaktionen für die Rückkehr jüdischer Familien nach Israel, Hilfe für Siedler, für messianische Juden etc.). Ihrem Selbstverständnis nach sind diese Gruppen darum bemüht, jeder Form von Antisemitismus entgegenzutreten. Sie verstehen sich als Israelfreunde und tendieren teilweise zu einem christlichen Zionismus und einer antiarabischen Haltung. Die Pro-Israel-Aktivitäten sind ein eindrucksvolles Beispiel für Wechselwirkungen zwischen religiösen und politischen Einstellungen. Die Koalitionen, die sich dabei ergeben, sind durch pragmatische Ignoranz auf beiden Seiten geprägt.

Das Denken im Kontext dieses chiliastisch bestimmten Geschichtsverständnisses ist vor allem auf das Negative fixiert, auf Verfall und Überwältigtwerden durch die Mächte des Bösen. Politik, Wirtschaft und Religion erscheinen immer mehr im Licht widergöttlicher Machtergreifung. Der in der Gottebenbildlichkeit des Menschen begründete Auftrag, gestaltend in der Welt mitzuwirken, findet keine Berücksichtigung mehr.

Chiliastisch bestimmte Bibelhermeneutik

Für ein gesteigertes Endzeitdenken ist insbesondere eine bestimmte Auslegung der prophetischen und apokalyptischen Texte der Bibel kennzeichnend. Endzeitliche Erwartungen werden in eine konkrete Ereignisfolge gebracht und in allernächster Nähe erwartet: Wehen der Endzeit, Trübsal, Entrückung, Schlacht von Harmagedon, Gericht, Wiederkunft Jesu, Tausendjähriges Friedensreich (Millennium), neuer Himmel und neue Erde. Die bibelfundamentalistisch geprägte Hermeneutik klammert sich an die Texte (v. a. Danielbuch, Endzeitreden Jesu in den Evangelien, Offenbarung des Johannes) in ihrer Buchstäblichkeit und behauptet, ihre wahre Auslegung zu verwirklichen. Als wesentliches hermeneutisches Instrument gelten angenommene Zeitperioden (dispensations). Meist wird von sieben Zeitaltern ausgegangen: 1. von Adam bis zur Vertreibung aus dem Garten Eden (innocence), 2. von der Vertreibung bis zur Sintflut (conscience), 3. von Noah bis zum Turmbau von Babel (human government), 4. von Abraham bis zur Versklavung in Ägypten (promise), 5. von Mose bis zum Heilswerk Gottes in Christus (law), 6. von der erlösenden Tat Christi bis zu seiner Wiederkehr (grace), 7. vom Tausendjährigen Reich bis zum Neuen Jerusalem (kingdom).

Die apokalyptisch gestimmte Geschichtsschau gewinnt ihre Konkretionen dann, wenn biblische Prophetie einerseits und Gegenwartsgeschichte andererseits so aufeinander bezogen werden, dass einzelne geschichtliche Vorgänge als unmittelbare Ereignung prophetischer Verheißungen verstanden werden. Es ist Aufgabe des die Bibel Auslegenden, herauszuarbeiten, welcher Text zu welcher Zeitperiode gehört. Erst dadurch wird der Einblick in den Ablauf des göttlichen Plans möglich. Erst dadurch wird eindeutig, wie die apokalyptische Bilderwelt zu verstehen ist. Die Auslegung der Bibel wird dabei zu einer willkürlichen und spekulativen Angelegenheit. Denn welcher Text in welche Zeit gehört und auf welche vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse hinweist, bestimmt der Auslegende, sodass ganz unterschiedliche Konzepte und Szenarien des endzeitlichen Prozesses entstehen. Je mehr man bei einem Vergleich der konkreten Endzeitabläufe ins Detail geht, desto vielfältiger, differenzierter und widersprüchlicher wird das Feld. Das fundamentalistisch-buchstäbliche Schriftverständnis behauptet zwar, dass es in der Regel nur eine einzige Möglichkeit der Deutung gibt, faktisch werden aus ihm jedoch unterschiedliche und in sich widersprüchliche Endzeitvorstellungen abgeleitet: Im Blick auf die Zeit der Trübsal, im Blick auf den Antichristen … Zu unterscheiden ist etwa auch zwischen einem Prämillenarismus, der davon ausgeht, dass die Wiederkunft Christi ein Ereignis vor dem Tausendjährigen Reich ist, und dem Postmillenarismus, der damit rechnet, dass die Parusie Christi das Millennium beendet. Die vorherrschende apokalyptische Denkform ist heute fraglos der Prämillenarismus, der vor allem im amerikanischen Kontext große Verbreitung fand.

Geschichtliche Vorläufer der dispensationalistischen Geschichtsschau, bei der die Heilsgeschichte in verschiedene Zeitalter eingeteilt wird, liegen im Darbysmus. John Nelson Darby (1800–1882) war es, der ein streng fundamentalistisches Schriftverständnis und eine exklusivistisch bestimmte Ekklesiologie mit entsprechenden Heilsabschnitten verband und die endzeitlichen Glaubensaspekte mit höchster Autorität und geistlichem Anspruch vertreten konnte. Darbys dispensationalistisch ausgerichtete Hermeneutik ging in die Fußnoten der Scofield-Bibel (1909) ein und wurde dadurch in erwecklichen Kreisen wirkungsvoll verbreitet.

Während evangelikal-fundamentalistische und pentekostale Ausprägungen des Dispensationalismus weitgehend im Bereich eines dezidiert christlichen Selbstverständnisses verbleiben, spielen dispensationalistische Konzepte auch eine signifikante Rolle im Zusammenhang der Entstehung von Neureligionen und Neuoffenbarungsgruppen (vgl. Neue Kirche Swedenborgs, Vereinigungskirche, Universale Kirche, New Age). Die Periodisierung der Geschichte göttlichen Handelns wird dabei zur Distanzierung gegenüber gegenwärtigen Gestalten des Christentums und zu ihrer evolutionären Überschreitung genutzt.

Abschließende Überlegungen und Einschätzungen

Chiliastischen Erwartungen geht es darum, die vorfindliche Welt zu überschreiten.10 Apokalyptisches Denken bestreitet die Perspektive einer immer weitergehenden Zeit. Chiliasmus in diesem Sinne ist die Suche nach einer anderen Welt. Zwischen alter und neuer Welt wird nicht Kontinuität, sondern Diskontinuität vorausgesetzt. Die verbleibende Zeit in der alten vom Leiden und von Katastrophen bestimmten Zeit wird zur Frist. Wer unter den gegenwärtigen Verhältnissen leidet und nichts anderes zu verlieren hat als die Fesseln, die ihm die Freiheit nehmen, wird wünschen, dass das baldige Ende kommt. Wer viel zu verlieren hat, «wer sich in den gegebenen Verhältnissen eingerichtet hat und von deren Erhalt profitiert, wird alles tun, damit die Frist sich dehnt und noch lange bleibt, was und wie es ist».11 Auch neuzeitlichen Menschen liegen apokalyptische Perspektiven offensichtlich nahe. Die Zeit wird als befristet erfahren. Es gibt ein Bewusstsein der Gefahr. Krisenzeiten werden von euphorischen und düsteren Zukunftserwartungen begleitet. Nicht als breite Strömung, aber in bestimmten säkularen und religiösen Milieus wird ein apokalyptischer Weltpessimismus gepflegt und gelebt. Weltangst, Kosmophobie, entzündet sich gleichermaßen an medialen und realen Phänomenen. Nahrung empfängt diese düstere Weltbetrachtung durch den zerstörerischen Eingriff des Menschen in die Natur und durch die inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie kann an Stimmungslagen, Zeitströmungen und Unsicherheiten anknüpfen: das allgemeine Krisenbewusstsein, die grundlegenden Veränderungen und neuen Polarisierungen der Gesellschaft, militärische Auseinandersetzungen in verschiedenen Regionen dieser Welt, der Klimawandel, die Ambivalenzen von Globalisierung und Digitalisierung, die Bedrohung durch den islamistisch begründeten Terrorismus etc. Apokalyptische Bilderwelten sind näher gerückt und durch reale Entwicklungen gleichsam eingeholt worden. Fernsehkameras und mediale Netzwerke sorgen für universale Gleichzeitigkeit. Sie lassen die Bilder von Naturzerstörung und kriegerischer Gewalt in jedes Wohnzimmer gelangen. Neben der Apokalypseblindheit der Moderne steht ihre Apokalypsefixiertheit. Die vergehende und die kommende Welt sind auch für den modernen Menschen präsent: in Wort und Bild, in Literatur und Kunst. Vom Ende der Welt wird in der jüdisch-christlichen Tradition gesprochen, um für eine neue, eine andere Welt zu plädieren.

In der Geschichte der Christenheit musste die christliche Zukunftserwartung gegenüber zwei Missverständnissen verteidigt werden: einem materialistischen Chiliasmus, der die Bildersprache apokalyptischer Texte übergeht und von einem grenzenlosen Optimismus oder einem düsteren Weltpessimismus bestimmt ist, aber auch gegenüber einem gnostisierenden Spiritualismus, der die Treue zu den endzeitlichen Hoffnungsbildern und dem Realismus der Verheißungen in der Bibel aufgibt, indem er sie vergeistigend übersetzt. Beides gab es in der Geschichte des Christentums: die fantasievollen Ausmalungen des Endes, verbunden mit dem unrealistischen Versuch, das Reich Gottes auf Erden zu errichten, aber auch die schwärmerische Identifikation kirchlichen und christlichen Lebens mit dem Reich Gottes und den Verzicht darauf, nach einem innergeschichtlichen «Mehr» an Gerechtigkeit, Frieden und zeichenhafter Vorwegnahme des Reiches Gottes zu suchen.

Chiliastische Erwartungen werden schnell zu einer spekulativen Angelegenheit. Auch mit der Bibel in der Hand hören die Begrenzungen nicht auf, denen geschöpfliches Leben unterliegt. Das prophetische Zeugnis der Bibel eignet sich nicht dazu, die fromme Neugierde zu befriedigen. Die christliche Hoffnung vermittelt kein privilegiertes Zukunftswissen. Gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein erliegt der Gefahr, sich durch den Blick auf erwartete kosmische Katastrophen gefangen nehmen zu lassen und in Angst, Resignation und Passivität zu erstarren oder aber in blinden Aktionismus umzuschlagen. Es widerspricht christlicher Hoffnung in Zuschauerhaltung auf die Eskalation von Gewalt zu starren und die Geschichte deterministisch ihrem unausweichlichen Ende entgegenlaufen zu lassen. Die Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde entlässt nicht aus irdischen Verantwortlichkeiten. Sie bleibt der Erde treu und fördert den Mut, das zu tun, was die Liebe zum Leben, und die Hoffnungsfähigkeit im Leiden unterstützt. Die Faszination chiliastischer Utopien deutet gleichzeitig darauf hin, dass ihre kirchliche «Domestizierung» nicht ausreicht, «um theologisch und spirituell ihr Hoffnungspotential […] auszuschöpfen»12. Auch wenn die Dialektik zwischen dem Schon-Jetzt und dem Noch-Nicht des Reiches Gottes sich nicht dadurch auflöst, dass sie in ein zeitliches Nacheinander gebracht wird, können auch die Kritiker des Chiliasmus anerkennen, dass er ein berechtigtes Anliegen verfolgt: Er verweist auf die diesseitige Dimension christlicher Hoffnung. 

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