Damit hätten die Veranstalter nicht gerechnet – über 300 verkaufte Tickets für eine Buchvorstellung mit Kardinal Reinhard Marx in München. Ob das am Kardinal lag, oder an seinem Gegenüber – dem bekannten Soziologen Hartmut Rosa – man weiß es nicht. Jedenfalls hat die Vorstellung von Marx' neuem Buch "Kult. Warum die Zukunft des Christentums uns alle betrifft" eine interessante Debatte im neuen Kulturzentrum "Bergson" eröffnet.
Marx' Buch ist ein längerer Essay, der viele Themen streift: Es geht ein bisschen um den Status quo der Kirche, um das Wesen des Menschen und seine Verbindung zur Religion, um das Christentum, den Synodalen Weg, Liturgie und verschiedene Reformforderungen. Letztlich lernt man aber nicht viel Neues und leider werden viele Fragen nur angerissen, die Antworten kaum mit Inhalt gefüllt. So schreibt er: "Ich stelle folgende These in den Raum: Ohne neue Evangelisierung der Kirche selbst können wir das Evangelium nicht in die Zukunft bringen (...) wenn die Idee der Evangelisierung auf die Vermittlung einer (Glaubens-)Wahrheit reduziert wird, die ich als 'klerikaler Wahrheitsbesitzer' bereits habe und die ich anderen nur noch 'beibringen' muss, wird das Evangelium in einer freiheitlich geprägten Kultur nicht strahlen können. Rückzug und Rückeroberung sind nicht das Programm Jesu!" Wie diese Selbst-Evangelisierung der Kirche genau funktionieren soll, erklärt Marx nicht.
Vor allem zu Beginn des Buches zitiert Marx zahlreiche andere Autoren. Dieses Namedropping ist ermüdend, denn beim Lesen sind gerade die Passagen am stärksten, wo er selbst spricht und persönlich wird. Etwa die Stelle, an der Marx schreibt, dass er heute manches anders sieht als noch als junger Priester. Hierzu hätte ich gerne mehr gelesen. Auch mehr persönliche Erlebnisse wie eine Münchner Fronleichnamsprozession, die ihm etwas über das Verhältnis von Kirche und Welt klargemacht hat, würde man gerne lesen.
Ein Ereignis feiern
Moderiert wurde die Diskussion in München von der Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Für sie war der zentrale Gedanke des Buches die Freiheit. Auf dieser Basis würden die aktuellen Verhältnisbestimmungen zwischen Kirche, Glauben, Religion und Demokratie entfaltet. Doch in dieser Gemengelage geht die Frage nach dem "Kult" beinahe unter. Dabei ist sie es, die Marx am meisten umtreibt. "Die Kirchenaustrittszahlen erschüttern mich, aber die Gottesdienstzahlen am Sonntag erschüttern mich noch mehr", sagt er in München. Im Buch drückt er es so aus: "Die eigentliche Existenzkrise der Kirche ist das Auseinanderfallen von Kultgemeinschaft und Kirchenmitgliedschaft."
"Liturgie", sagt der Kardinal, "erschien in den letzten Jahren nur als innerkirchliches Thema, das ist nicht richtig. Eine Religion, ein Glaube, wird nur Zukunft haben, wenn er im Kern ein Ereignis feiert in der Begegnung mit Gott."
Hier trifft er sich mit Hartmut Rosa, der in Jena Soziologie lehrt. 2022 hat er das Buch "Demokratie braucht Religion" veröffentlicht. Rosa wirft auf der Bühne das Bild einer rasenden Gesellschaft auf, die sich nicht zu stabilisieren vermag und sich immer steigern muss, ohne voranzukommen. Er nennt das "rasender Stillstand". Für ihn ein "schrecklicher Existenzzustand". Dafür bekommt er viel Applaus. Sein Lieblingsbegriff ist die "Resonanz", nach der sich die Menschen sehnen und die einen Ausstieg aus der Steigerungslogik bietet. Die Kirchen würden eine "andere Form des In-der-Welt-Seins" möglich machen. Das muss für ihn spürbar bleiben. "Die Kirche ist dunkel, still, da findet das, was ich das Aggressionsverhältnis zur Welt nenne, nicht statt. Die Räume sind hoch, sie verleiten fast zum Auf-Hören. Lass dich anrufen, von etwas anderem." Das Abendmahl – Rosa ist Protestant – könne eine andere Form des In-der-Welt-Seins spürbar machen. Auch er versteht nicht, warum die Gottesdienste so leer sind. Als Organist rühre ihn gerade die Musik an, er schwärmt vom Lied "Gott ist gegenwärtig" von Gerhard Tersteegen. Kirchlich aufgewachsen sei er nicht, "aber der Kult hat mich berührt."
Sosehr die Moderatorin auch versucht, das Gespräch wieder in eine andere Richtung zu lenken – immer wieder kommen die beiden Diskutanten auf das Thema "Liturgie" zurück.
Marx kann hier gut anschließen. Beim Durchblättern einer Zeitschrift ist er kürzlich bei einem Interview hängengeblieben, erzählt er. Darin berichtet ein Literaturwissenschaftler, warum er katholisch geworden ist. "Er hat gesagt: Wegen der Heiligen Messe. Das hat mich tief angerührt." Die Moderatorin fragt provokant: "Heißt das jetzt, dass nur die katholische Kirche den Kult hat? Das hat man jetzt schon ein bisschen herausgehört …". Der Kardinal distanziert sich heftig davon, etwas abwerten zu wollen, konstatiert aber, dass "die sakramentale Wucht" bei den Katholiken schon "ein bisschen stärker" sei. "Das ist halt so."
Sosehr die Moderatorin auch versucht, das Gespräch wieder in eine andere Richtung zu lenken – immer wieder kommen die beiden Diskutanten auf das Thema "Liturgie" zurück. Hartmut Rosa will das mit dem Abendmahl noch mal geklärt wissen, "das beschäftigt mich schon". Das Publikum lacht. "Doch, das ist wichtig!"
Nostalgie?
Dem katholischen Sakramentenverständnis kommt er an diesem Abend nicht auf die Spur, sein Ringen mit dieser Frage kann er nur schwer verbergen. Marx bleibt dagegen cool und erklärt nüchtern, dass die Begegnung mit Gott in der Eucharistie kein "außerordentliches Ereignis" sei, sondern immer da. Er spreche täglich mit Gott. Die Privatmesse im kleinen Kreis ("mit den zwei Schwestern und dem Kaplan") sei ihm wichtig und gebe ihm mehr als ein Pontifikalamt. Typisch Marx ist es, wenn er dann auch mal polternd große Schlagwörter in den Raum wirft; einmal ruft er recht unvermittelt: "Freedom! Freiheit der Kinder Gottes". Was er damit sagen will: Es gehe nicht darum, einzelne Zugänge zu Spiritualität zu bewerten.
Und hier wird es schwierig.
Denn er selbst macht genau das – vor allem die "traditionelle Liturgie" hat er zum Feindbild erklärt. "Wir dürfen das Thema Liturgie nicht denen überlassen, die die Kirche rückwärtsgewandt in der Vergangenheit positionieren wollen, die Traditionalisten, die um die Liturgie eine Mauer bauen und sich von der Welt abschotten, die gegen sie ist." Marx wünscht sich stattdessen "einen Kult, der vom Geist der Freiheit durchdrungen ist, der alle einbezieht und sich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hineinstellt und dabei zugleich in der kultischen und spirituellen Tradition der Kirche verbunden ist." So schreibt er es in seinem Buch. Wie genau der aussehen soll, das lässt er offen. In München spricht er außerdem davon, dass er diesen Kult in der Pfarrei vor Ort sehen will. Zentren sieht er als "Illusion". "In jedem Ort, in jeder Stadt sollen die Glocken läuten und die Menschen sollen wissen: hier kann ich hinkommen, hier bin ich dahoam, hier werde ich gehört. Das wären Pfarreien der Zukunft, die anderen ein Zeichen geben könnten", so Marx.
Die Diskussion in München hat gezeigt, was dem Buch fehlt – nämlich der Fokus auf das, was der Titel verspricht.
Irgendwie bleibt der Eindruck, dass er – der anderen Nostalgie vorwirft – hier selbst der Nostalgie verfällt. Denn wo er das Personal für diese Pfarreien künftig hernehmen möchte und wie sein Freiheits-Kult genau aussehen soll – auch die Antworten auf diese Fragen bleibt er schuldig. Immerhin hält er noch fest: "Gottesdienste, wo alle umeinanderlaufen und jeder dummes Zeug macht, dafür bin ich nicht zu haben."
Die Diskussion in München hat gezeigt, was dem Buch fehlt – nämlich der Fokus auf das, was der Titel verspricht. Warum fühlen sich so wenige Menschen vom "Herzstück" des kirchlichen Lebens, der Eucharistie, angesprochen? Warum sind die Gottesdienste so schlecht besucht? Warum gelingt die Begegnung mit Gott nicht mehr? Und wie könnte man daran etwas ändern?