Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (1. Joh 3,18) – Nicht so, sondern so … lauert da ethische Belehrung schon in der frühchristlichen Briefliteratur? Dabei wird wieder und wieder davor gewarnt. Erst dieser Tage hat Bischof Heiner Wilmer im Nachgang zur Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich appelliert, nicht den moralischen Zeigefinger zu heben.
Immerhin: Die Formel "Lasst uns" lässt hoffen. Der, der da schreibt, bezieht sich in den Liebesappell mit ein. Dennoch bleibt die Art dieses Appells eine harte Passionslektion für Gemüter, denen theologisch die Rechtfertigung des sündigen Menschen allein aus Glauben Sinn und Lebensweisung gibt. Sollen wir so lieben? Genauer: sollen wir nur so lieben, mit der Tat und der Wahrheit?
Auf Gottes Liebe kommt es an. Vielleicht wäre es gut, dies zum Hauptthema einer "öffentlichen Theologie" zu erheben, statt notorisch die menschliche Nächstenliebe zu beschwören.
Gott aber …, diesen Gedanken setzt der Wochenspruch für den Sonntag Reminiscere entgegen. "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren." Das alles geschah jenseits von menschlicher Tat und Wahrheit. Auf Gottes Liebe kommt es an. Vielleicht wäre es gut, dies zum Hauptthema einer "öffentlichen Theologie" zu erheben, statt das Hauptthema mit dem Folgethema zu verwechseln und notorisch die menschliche Nächstenliebe zu beschwören.
Der Sonntag Reminiscere – ein Sonntag, in der die Kirche einmal inständig dessen gedenkt, wie zuvorkommend Gott ist, wie er mit seiner Liebe aller menschlichen Liebe zuvorkommt, ein Sonntag, der Anlass gibt, dies plastisch zum Hauptthema zu erheben, damit deutlich wird: Lebensentscheidend ist Gottes spiritueller Einbruch in die Welt. Wo Gottes Geist in die Welt einfährt, wird Frieden, wächst mitmenschlicher Gemeinsinn.
Wohltuendes Alternativprogramm
Nur wie passt dazu die tätige Fastenspeise des Johannesbriefes, die einschärft: Nicht Worte, sondern Taten, nicht Zunge, sondern Wahrheit? Und überhaupt: Was für eine Wahrheit soll das sein? Bei der Wahrheit kommt es doch gerade auf das entschiedene Wort im richtigen Augenblick an. Auf der Linie dieser Einsicht ist zu sagen: Allein durch das von Gott inspirierte Wort werden wir selig. Nicht die Summe der im Terminkalender absolvierten Alltagsgeschäfte, nicht meine Produktivität von morgens bis abends wirkt beseligend.
Worte sind der Leib der Liebe. Wenn Worte fehlen, wenn ich es nicht über die Lippen bringe, meinen Mitmenschen verstehen zu geben, dass ich ihn mag und schätze, dann verhungert die Liebe.
Aus einem beobachtungsstarken Geschehenlassen der Liebe Gottes im Leben wächst jene Geisteskraft, aus der heraus Menschen ihres Lebens mit heiligen Gründen froh werden können. Das ist ein attraktives, weil der Wahrheit Gottes verpflichtetes Alternativprogramm zu den üblichen Hinweisen, "wie wir dieses Jahr leben und lieben" im Zeichen eines "mindful body", der durch "aktive Bewegung", "Yoga", "Achtsamkeit", "Ernährungsbewusstsein" und "regenerativen Schlaf" zu sich selber findet.
Aber nun doch eben dies im ersten Johannesbrief: Lasst uns lieben mit der Tat, nicht mit Worten. Wenn da wenigstens stünde: nicht nur mit Worten. Steht da aber nicht. Es steht da ein stures "Nicht!"
Welcher Liebesphänomenologie folgt jemand, der so schreibt? Es ist doch mit Händen zu greifen: Worte sind der Leib der Liebe. Wenn Worte fehlen, wenn ich es nicht über die Lippen bringe, meinen Mitmenschen verstehen zu geben, dass ich ihn mag und schätze, dann verhungert die Liebe. Mit dem Einbruch des Schweigens, dem Einbruch dessen, dass ich nichts mehr vernehme vom Partner oder der Partnerin, das Abendbrot in mich hineinschaufle und kein Ohr habe für die Kinder am Tisch, für Kolleginnen oder Kollegen, für Zeitgenossen, die sich zu Wort melden, mit diesem Einbruch des Schweigens ist das Ende der Liebe nahe herbeigekommen.
Nein, lieber Johannesbrief, lasst uns, statt an Tat und Wahrheit zu appellieren, einmal das geistliche Augenmerk durchaus auf die Zunge richten. Die Zunge ist ein elementares Liebesorgan, sehr wichtig sogar, um Liebe auszudrücken. Ulla Hahn gibt in ihrem Gedicht "Auswendig lernen" auf das Schönste Orientierung.
Auswendig lernen möchte ich dich
Wie ein Gedicht.
Immer wieder lesen
Silbe für Silbe Wort für Wort und
Zwischen den Zeilen
Strophenlang jahrelang lebenslang
Dich buchstabieren
Mit der Zunge und dem Gaumen des Herzens.
Fastenzeit als Zeit der Revolte
Noch einmal: Hat es denn der Johannesbriefschreiber nicht vor Augen, was er selber macht, indem er eben Briefe schreibt, Briefe, in denen er selbst Silbe für Silbe, Wort für Wort Liebe ausbuchstabiert? Auf der Zunge muss ihm geradezu dies liegen: Liebe hat jede Menge mit Worten zu tun, mit Gaumen, mit Silben und Worten und dem Hören zwischen den Zeilen.
Passions- und Fastenzeit – im Namen von Zunge und Gaumen des Herzens eine Revolte gegen die Alternative von Wort und Zunge und Tat und Wahrheit, eine Revolte gegen die falsche Alternative, nur darüber zu reden, wie neu doch alles im Lichte Jesu Christi geworden sei, und den alten Stiefel weiter durchzuziehen, oder aber die Existenzberechtigung der Kirchen nur in Caritas und Diakonie zu erblicken.
Die Passions- und Fastenzeit, Zeit, sich die Zeit zu nehmen von Grund auf auswendig zu lernen, wie Gottes Liebe und die eigene Liebesfähigkeit zusammenhängen, dies sich einzuprägen und auswendig zu lernen, wie ein Gedicht, Tag für Tag.
Passions- und Fastenzeit: Zeit inne zu halten, und mit der Zunge und dem Gaumen des Herzens zu meditieren, wie Gott das Leben liebenswürdig macht und wie seine Worte Macht entfalten können, die das Leben verändern, die Taten auch und die Wahrheit prägen. Diese geistliche Zungen- und Gaumenübung mag sich herantasten an das Ineinswerden von Wort und Wahrheit in der Person des Jesus von Nazareth, wie es das Johannesevangelium in eindringlicher Poesie entfaltet. Und dann gilt es weiter mit dem Gaumen und der Zunge des Herzens zu meditieren, wie Jesus Christus durch die Art, wie er agierte und sprach, beredt war und die übliche Welt auf den Kopf stellte. So gesehen verkörperte er die leibhaftige Überwindung von Wort und Tat, Zunge und Wahrheit.
Wie Gottes Liebe und Liebesfähigkeit zusammenhängen
Die Passions- und Fastenzeit, Zeit, sich die Zeit zu nehmen von Grund auf auswendig zu lernen, wie Gottes Liebe und die eigene Liebesfähigkeit zusammenhängen, dies sich einzuprägen und auswendig zu lernen, wie ein Gedicht, Tag für Tag, nicht als sture intellektuelle Repetitionsübung, sondern in Gestalt einer geistlichen Stimmbildung, die Zunge und Gaumen, leiblich, herzlich in einen Atemrhythmus bringt, der mir hilft so zu reden und zu leben, dass es sich für andere lohnt, zwischen den Zeilen meines Lebens zu lesen und da etwas von dem zu erkennen, in dessen Namen Johannes geschrieben hat.