Lebensverneinung als Dienst am Planeten?Gesprächsfetzen von unterwegs

Wie angemessen reagieren auf die Klima-Katastrophe? Manche meinen, nur der lebensverneinende Verzicht auf Nachkommenschaft könne die Welt retten. Aus biblischer Sicht wäre stattdessen die Sorge um das gemeinsame Haus der Erde zu betonen und eine Ethik der Selbstbegrenzung zu entwickeln.

Mensch blickt in den Weltraum
© Foto von Greg Rakozy auf Unsplash

I.

Während der Zugfahrt von Wien nach München saß ich im Großraumabteil eines Railjets zwischen einer Gruppe von Orchestermusikern. Dort schnappte ich zufällig einige Gesprächsbrocken auf, die mich am Weiterlesen hinderten. Es ging um die Folgen des Klimawandels. Man solle doch endlich aufhören, Fleisch zu essen, meinte die eine. Konsequenter Veganismus sei ein Beitrag zur Schonung des Klimas. Eine andere sympathisierte mit den Klima-Aktivisten, ja forderte, noch weiter zu gehen als sich auf Straßen anzukleben und den Verkehr zum Stillstand zu bringen:

"Eine britische Popsängerin hat jetzt die Bewegung birth strike gegründet. Sie ruft uns Frauen zur Reproduktionsverweigerung auf. Je weniger Menschen die Erde bewohnen, umso besser für die Erde! Außerdem wird die Politik so unter Druck gesetzt, endlich etwas gegen den Klimawandel zu tun. Und falls nicht, dann sterben wir eben aus."

Zu den bisherigen Gründen für Frauen, kein Kind zu haben – schlechte Erfahrungen in der eigenen Familie, das Gefühl der Überforderung, für ein Kind verantwortlich zu sein, der Drang nach beruflicher Selbstverwirklichung und mehr Selbstständigkeit – kommt nun ein neues Argument: die Welt zu schonen. Kinder zu haben ist unmoralisch, weil dies die Umwelt belastet.

II.

Es ist, als wollten die Anhänger der Letzten Generation ihrem Namen alle Ehre machen. Durch strikte Reproduktionsverweigerung könnte sie am Ende wirklich die letzte sein. Lebensverneinung als Dienst am Planeten – eine neue Religion, die aus Sorge um das gemeinsame Haus der Erde auf die Zeugung von Kindern verzichtet.

III.

Die Anhänger der "neuen" Birth-Strike-Bewegung mucken auf gegen den "alten" Gott der Bibel, der dem Menschen den Auftrag mit auf den Weg gab: "Seid fruchtbar und mehret euch!" (Gen 1, 28). Zahlreiche Nachkommen – Kinder und Kindeskinder – wurden als Segen betrachtet. Heute erscheinen sie als Fluch.

IV.

Der Antinatalismus – eine philosophische Strömung, die prinzipiell gegen Geburten eingestellt ist – leistet der Forderung nach Reproduktionsverweigerung argumentative Schützenhilfe. Antinatalisten fragen: Wie lässt sich die Existenz des Menschen rechtfertigen, wenn er doch leiden muss? Ist die beste Antwort auf die Anthropodizee nicht die, dass er gar nicht erst geboren wird? Denn ein Mensch, der in eine Welt hineingeboren wird, die von Dürreperioden, Orkanen, Überschwemmungen und Erdbeben gezeichnet ist, wird leiden – und anderen durch seine Existenz Leiden zufügen. Um das zu vermeiden, scheint Gebärverzicht die beste Lösung. Der belgische Philosoph Théophile de Giraud sagt: "Glücklich ist nur der Mensch, der nicht geboren wird." Das klingt radikal, ist aber ein ferner Nachhall aus dem Buch Kohelet: "Wie gut haben es die Toten! Ihnen geht es besser als den Lebenden. Noch besser sind die dran, die gar nicht geboren wurden und die Ungerechtigkeit auf der Erde nicht sehen mussten." Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

V.

Statt Selbstabdankung des Menschen, so scheint mir im Nachgang zu den Gesprächsfetzen, die ich im Railjet gehört habe, wäre kritische Selbstrevision angezeigt, um menschlichem Leben eine dauerhafte Grundlage auf diesem Planeten zu geben. Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) hat schon vor dreißig Jahren auf die sich abzeichnende Klimakrise mit seinem Ökologischen Imperativ geantwortet: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Denn eine Welt ohne Kinder – wäre das noch eine menschliche Welt? Eine Selbstrücknahme des Menschen – um "Mutter Erde" willen? Gott sei Dank wird es Frauen geben, die den Imperativ der Reproduktionsverneinung unterlaufen und sich nicht – wie manche Anhängerinnen von birth strike – sterilisieren lassen. Mutterschaft als revolutionärer Akt gegen die Selbstverneinung des Menschen.

VI.

Das Lebensgefühl der last generation und der birth strike-Bewegung ist vom Zeithorizont her dramatisch verkürzt. Die Naherwartung, einst freudig auf das Kommen des Herrn bezogen, hat sich katastrophisch eingetrübt. Vorzeichen der drohenden Klima-Apokalypse zeichnen sich bereits ab, der Handlungsdruck steigt. Die wissenschaftlichen Prognosen geben dem katastrophischen Lebensgefühl Rückenwind: Was wäre, wenn in Kürze die Gletscher abtauen, die Pole schmelzen, die Meeresspiegel steigen und weite Teile der Erde mit Wasser bedecken? Wenn sich in anderen Regionen die Versteppung ausbreitet, ganze Territorien unbewohnbar werden und global die Migrationsströme dramatisch anwachsen? Soziale Konflikte, Verteilungskämpfe zeichnen sich ab. Das bis zum Millenniumswechsel vorherrschende evolutionistisch entfristete Zeitgefühl, das sich von Katastrophenansagen kaum irritieren ließ, ist einem Leben mit verkürzter Frist gewichen. Der eingetrübte Zukunftshorizont verändert die Jetzt-Zeit.

VII.

Wir leben unter einer Wolke, die nicht mehr – wie bei der 40-jährigen Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste – die verborgene Gegenwart des Heiligen anzeigt. Es ist eher dichter Smog, der den Blick auf den Himmel verstellt und die Luft zum Atmen beeinträchtigt. Dieu se retire. Hat Gott sich zurückgezogen? Oder liegt es am Menschen, sich Gottes zu erinnern und seiner Schöpfungsverantwortung bewusst zu werden, umzudenken und aus der Sorge um das gemeinsame Haus der Erde eine Ethik der Selbstbegrenzung zu entwickeln?

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