Darf ich Sie mal was fragen? Wie nehmen Sie eigentlich Ihren Sitzplatz im Flugzeug ein? Sagen wir mal, Sie haben einen Gangplatz gebucht und kommen mit einer gewissen sturen Grundsätzlichkeit immer als einer der letzten Passagiere an Bord. Man kann Sie kaum übersehen, denn Sie sind derjenige, der das knallvolle Kabinenfach immer noch umständlich umsortiert, während der charmante Purser längst mit seiner Performance der Safety Instructions begonnen hat. Zudem fallen Sie durch den loriotartigen Slapstick auf, beim Verstauen Ihres Wintermantels dem Mitreisenden in der Sitzreihe hinter Ihnen die Brille von der Nase zu wischen. Tschuldigung, Tschuldigung und noch einmal mi dispiace tantissimo, denn wir sind auf dem Weg nach Rom. Wenn Sie sich also auf den Sitz plumpsen lassen, inzwischen ganz besonders bemüht, den Nachbarn nicht zu touchieren, sagen Sie dann Guten Tag, buongiorno, oder dergleichen? Ich stelle mir diese Frage im Übrigen auch im Theater, oder im Kino, aber dort wiegt einen ein stundenwährendes Dunkel wenigstens in einer Art Scheinanonymität. Im Flugzeug wird man jedoch die ganze Reisezeit lang nicht nur ausgiebig um die Armlehnen rangelnden, störende Bewegungen und Geräusche machen, sondern eventuell auch Müll erzeugen, mit dem man, da die ursprünglich noch vorhandene Vordersitztasche jetzt immer öfter fehlt, unweigerlich auch den Nebenmann behelligt.
Das mit dem Grüßen sei inzwischen weniger eine Frage des Anstands, der sei abgeschafft, sondern Geschmackssache, sagte eine Bekannte. Über Geschmack lässt sich angeblich nicht streiten. Zumindest nicht nonverbal, wie etwa um den Fußraum im Flugzeug. De gustibus non est disputandum. Früher dachte ich, dieser Ausspruch bedeute, man hätte entweder Geschmack oder man hätte eben keinen. Basta! Ob man Geschmacksfragen streitlos zur Disposition stellt, nur weil es an der Beweisbarkeit mangelt, darüber befinde ich mich immer noch in stetigem Zweifel.
Ich grüße meine Sitznachbarn im Flugzeug, nicht selten mit dem Effekt größeren Befremdens: Was will die fremde Frau von mir?
Nur worüber lässt sich dann überhaupt streiten? Idealerweise bis zu dem Punkt, an dem man hört, was doch so selten gesagt wird: Stimmt, du hast recht. Die Publikumsbeliebtheit der guten alten Talkshow lebte von der Freude an einbetonierten Fronten. Geschmack gilt als individuell, doch da in der ästhetischen Harmonielehre ein goldener Schnitt existiert, wird es gewiss auch eine Idealform des menschlichen Miteinanders geben. Ich grüße meine Sitznachbarn im Flugzeug also, nicht selten mit dem Effekt größeren Befremdens: Was will die fremde Frau von mir?
Auf meinen Reisen von Berlin nach Rom bin ich immer wieder versucht, mit meinen Mitreisenden ins Gespräch zu kommen, wäre das bei der allgegenwärtigen Ohrbestöpselung noch möglich. Es interessiert mich aufrichtig, was den Menschen neben mir dazu bewegt, die Ewige Stadt zu besuchen. Kein Reiseführer nirgends, auf den Tablets flimmern ostereibunte Netflix-Serien, und die monotone Beatbeschallung lässt ebenfalls keine Rückschlüsse über die Romvorhaben zu.
Weitaus weniger rätselhaft ist es, was die Italiener in der deutschen Hauptstadt suchen, zumindest in einer gewissen Alterskohorte sind es die Berliner Clubs, die einen Magnetismus von Süd nach Nord auslösen, der KitKat-Club, oder das Berghain, soviel habe ich auf meinen Flugreisen längst belauscht.
Wie mag er wohl aussehen, der Pilger von Heute, der anlässlich des Giubileo die Papststadt bereist, frage ich mich am Gate 32 des BER. Keine Jesuslatschen zu sehen. Als sich jedoch mein katholischer Onkel Günther vor Jahren mit Prinz-Heinrich-Mütze und im Lodenmantel auf den Weg zum Petersdom machte, hatte ihm wohl ebenfalls niemand ansehen können, was ihn damals umtrieb. Die Pilgerreise wurde in unserer religionsfernen Familie als kurioser Spleen abgetan. Dabei war Günther damals beseelt, beinahe als ein anderer Onkel ins Ruhrgebiet zurückgekehrt. Rom sehen und sterben, die Devise hat er noch eine gute Dekade überlebt.
Soeben habe ich hier in Rom wieder einmal einen kleinen Spaziergang gemacht und geriet versehentlich in die Warteschlange der Hungrigen vor McDonalds hinter der Spanischen Treppe (neun Euro für ein Menü mit Getränk ist wirklich ein unschlagbares Angebot). Durch das Schaufenster bei Starbucks an der Piazza di San Silvestro sah ich die Touristenmassen um die Clubsessel buhlen (stundenlanger Aufenthalt mit Laptopbenutzung bei Beschränkung auf einen einzigen Americano wird in einer echten italienischen Bar nicht gern gesehen). Vielleicht, dachte ich in diesem Moment, vielleicht kommt der Mensch der Neuzeit bald auch gar nicht mehr in die Gefahr, über Geschmack zu streiten. Nämlich dann, wenn es nur noch den einen gibt.