Heilige Kirche? Sündige Kirche?25 Jahre Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte Johannes Pauls II.

Die Kirche nennt sich heilig, doch ihre Geschichte ist geprägt von Schuld. Heute vor 25 Jahren bat Johannes Paul II. öffentlich um Vergebung. Papst Franziskus hat im vergangenen Jahr einen ähnlichen Bußakt abgehalten. Wie sind die Vergebungsbitten der Päpste theologisch zu verstehen?

Petersdom bei Nacht
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"Wir glauben … die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" – so heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, das vor genau 1700 Jahren auf dem Konzil von Nizäa grundgelegt wurde. Im weit kürzeren und (deswegen?) im deutschsprachigen Raum geläufigeren Apostolischen Glaubensbekenntnis ist es "die heilige katholische Kirche". Wobei diese Verkürzung das Problem nur noch mehr ins Licht rückt: Wie lässt sich heute, nach all den erschreckenden Enthüllungen und Ernüchterungen der letzten Jahre, noch von einer heiligen Kirche sprechen oder gar eine solche glauben? Und das ausgerechnet im Fall der katholischen Kirche? Freilich, das Attribut "katholisch" ist in beiden Glaubensbekenntnissen nicht im konfessionellen Sinn zu verstehen, sondern im ursprünglich-wörtlichen: gemeint ist nicht die römisch-katholische, sondern die "universale" Kirche. Es bleibt aber bei dem Skandalon, dass die Kirche als "heilig" bezeichnet wird: Ist die Kirche (oder: sind die Kirchen) nicht mindestens ebenso sehr, wenn nicht sogar weit mehr sündig als heilig? Müssten Christenmenschen sich nicht anstatt zur sancta zur peccatrix ecclesia bekennen und diese dann (wie es ja auch massenhaft geschieht) konsequenterweise verlassen? Wäre nicht eigentlich sogar die "Selbstaufgabe" der Institution Kirche moralisch geboten als "der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte"?

Diese Frage stellte der Religionskritiker Herbert Schnädelbach schon vor 25 Jahren aus Anlass eines weiteren kirchengeschichtlichen Großereignisses, das in diesen Tagen Jubiläum feiert und das die Debatten um Heiligkeit und Sündhaftigkeit der Kirche wie kein zweites befeuert hat: das feierliche Schuldbekenntnis bzw. die Vergebungsbitte Papst Johannes Pauls II. im Petersdom am 12. März 2000.

In den zwanzig Jahren bis 1998 hat Johannes Paul II. in verschiedenen Kontexten beinahe 100 Schuldeingeständnisse, Entschuldigungen und Vergebungsbitten formuliert.

Von Beginn seines Pontifikats im Jahr 1978 an hatte der polnische Papst darauf gesonnen, um Vergebung für die Sünden zu bitten, die sich im Laufe der Kirchengeschichte angehäuft hatten. Er trat damit in die Fußstapfen seines letzten nichtitalienischen Vorgängers Hadrians VI. (1459–1523), der – ausgenommen vielleicht Paul VI. – als einziger römischer Pontifex galt, der jemals um Vergebung für Sünden der Kirche gebeten hatte. In den zwanzig Jahren bis 1998 hat Johannes Paul II. dann in verschiedenen Kontexten beinahe 100 solcher Schuldeingeständnisse, Entschuldigungen und Vergebungsbitten formuliert, wie der italienische Journalist Luigi Accattoli akribisch dokumentierte. Für die Jahrtausendwende aber hatte er Größeres und Umfassenderes im Sinne, das summarische Bekenntnis und die Bitte um Vergebung für alle Sünden der Christenheit. Dieses Ansinnen hatte er erstmalig im Vorbereitungsschreiben des Heiligen Jahres Tertio millenio adveniente von 1994 angedeutet, in dem es vielsagend hieß: "Die Heilige Pforte des Jubeljahres 2000 wird in symbolischer Hinsicht größer sein müssen als die vorhergehenden". Von besorgten Gegenstimmen ließ sich der prinzipienfeste Nachfolger Petri nicht beirren und den Bußakt durch mehrere Kommissionen, Symposien und eine Studie der Internationalen Theologischen Kommission akribisch vorbereiten.

Am ersten Fastensonntag 2000 kam es dann zu jenem denkwürdigen Pontifikalamt, in dessen Verlauf – nach Bußprozession durch die Heilige Pforte und Statio bei Michelangelos Pietà an der liturgischen Stelle des Allgemeinen Gebets und angelehnt an die großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie – der zentrale Bußritus stattfand: Sieben durch Leiter römischer Dikasterien verlesenen Schuldbekenntnissen folgten jeweils ein päpstliches Gebet um Vergebung, Kyrie-Rufe der Gemeinde und die Entzündung einer Kerze vor einem hölzernen Kruzifix, das der schon sichtlich von Krankheit gezeichnete Papst nach dem abschließenden Gebet umarmte. Die Schuldbekenntnisse benannten Vergehen von "Christen" gegen Leugner von Glaubenswahrheiten, gegen die Einheit der Christenheit, gegen das Judentum (diese Vergebungsbitte sollte der Papst zwei Wochen später in einen Spalt der Jerusalemer Klagemauer stecken), gegen den Frieden und die Integrität anderer Kulturen und Religionen, gegen die Menschenwürde, insbesondere von Frauen, und gegen die Grundrechte von Missbrauchsopfern, Unterprivilegierten und ungeborenen Kindern.

Kritische Reaktionen

Das ausgesprochen breite Echo in Medien und Theologie fiel mit Blick auf die Kühnheit und Innovativität dieses gegen erhebliche Widerstände durchgesetzten Ritus erstaunlich kritisch aus: Zwar wurde der Bußakt vereinzelt als Kehrtwende vom kirchlichen Triumphalismus hin zur Demut gewertet oder (in der taz!) als Schritt hin zur Modernisierung der Kirche und es wurden dem Papst auch guter Wille und Ernsthaftigkeit nicht grundsätzlich abgesprochen, zugleich aber doch harsche Generalkritik geübt. Das Bekenntnis ausschließlich historischer und damit fremder Schuld bei mangelnder Bereitschaft zur Umkehr von eigenem Fehlverhalten in der Gegenwart (Entsprechende Kataloge päpstlicher Verfehlungen wurden praktischerweise gleich mitgeliefert!) sei ebenso wohlfeil wie Bekenntnis und Vergebungsbitte bloß gegenüber Gott und nicht auch gegenüber den menschlichen Opfern. Die Schuldbekenntnisse seien viel zu wenig konkret und auch zu distanziert ausgefallen, ja man könne von einer perfiden institutionellen Selbstimmunisierung durch die Kirche sprechen, da doch niemals von ihren Sünden, sondern nur von Sünden einzelner Christen gesprochen wurde. Diese trennscharfe Distinktion zwischen der makellos-heiligen Mutter Kirche und ihren vereinzelten sündigen Kindern (Als könne man die kranken Glieder des Leibes Christi eindeutig identifizieren und dann chirurgisch sauber abtrennen!) ging konservativen Kritikern freilich noch nicht weit genug: Sie meinten, dass die Kirche hier immer noch zu stark mit der Sünde assoziiert und Kirchenkritikern damit zu sehr das Wort geredet würde – und dies ohne nennenswerten politischen oder pastoralen Ertrag, aber mit womöglich verheerenden Auswirkungen nach innen wie außen.

Hinsichtlich der spannungsreichen Dialektik von heiliger und sündiger Kirche scheinen die Texte des Bußaktes nun tatsächlich nahezulegen, dass lediglich einzelne Glieder der Kirche sündigen und sündhaft sein können, nicht aber diese selbst. Allerdings erläge der päpstliche Bußakt dann einem performativen Widerspruch, da Performanz (die Kirche agiert als Subjekt von Bekenntnis und Vergebungsbitte) und semantischer Gehalt (der Gegenstand von Bekenntnis und Vergebungsbitte sind gar nicht die Sünden der Kirche) voneinander abweichen würden.

Was aber bedeutet das in den Glaubensbekenntnissen bekannte Kirchenattribut der Heiligkeit wirklich und schließt es tatsächlich die Qualifizierung der Kirche auch als sündhaft aus? Selbst ein Karl Rahner getraute sich nur mit vielen Kautelen von der "sündigen Kirche" zu sprechen! Und ist es überhaupt sinnvoll und möglich, die Kirche in dieser Weise zu einem eigenständigen (makellosen) Subjekt zu hypostasieren und der Summe ihrer (sündigen) Glieder distinkt gegenüberzustellen?

Die Kirche: Communio im Guten wie im Schlechten

Johannes Paul II. ist im Bußakt nicht so weit gegangen, die Kirche selbst sündig zu nennen, und doch hat er mit diesem deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie aufgrund ihrer ganz spezifischen, gottgeschaffenen Sozialform, der communio, nicht in sündige und heilige bzw. verantwortliche und nicht-verantwortliche Glieder aufgespalten werden kann. Communio meint die innige Seinsbeziehung zwischen allen Gliedern des Leibes Christi in Freude und Leid, im Guten wie im Schlechten. Diese Sozialform ist geradezu "sozialistisch": Sie ist geprägt von Vergemeinschaftung, Gabentausch und Einandertragen sowohl im Glauben und in der Heiligkeit als auch in der Sündhaftigkeit und Schuld. Das Verhalten der Glieder betrifft immer das Ganze der Kirche, die insofern als Ganze heilig und sündig ist, ecclesia iusta et peccatrix – um es in Anlehnung an Luther zu formulieren.

Dass die in den Glaubensbekenntnissen betonte Heiligkeit der Kirche freilich stärker als ihre Sündhaftigkeit, ja letztlich unüberwindlich ist und dereinst auch obsiegen wird, ist nicht ihr eigenes Verdienst oder ihre Leistung, sondern Gottes unwiderrufliche Verheißung und Tat.

Dies gilt umso mehr, als menschliche Heiligkeit nach christlichem Glauben ohnehin immer Resultat von göttlicher Vergebung ist, göttliche Gabe an Menschen, die allesamt Sünderinnen und Sünder mindestens gewesen, wenn nicht geblieben sind. Insofern ist die Kirche eben nicht nur communio sanctorum, sondern zugleich communio peccatorum, Gemeinschaft der erlösten Sünderinnen und Sünder, die weiterhin und durch und durch auf Gottes Vergebung (=Gnade) angewiesen sind und im Vaterunser auch täglich um diese Vergebung bitten. So gedeutet kann der päpstliche Bußakt aus dem Jahr 2000 (was teils auch geschehen ist) als starkes ökumenisches Zeichen und als Bestätigung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Vorjahr erscheinen.

Dass die in den Glaubensbekenntnissen betonte Heiligkeit der Kirche freilich stärker als ihre Sündhaftigkeit, ja letztlich unüberwindlich ist und dereinst auch obsiegen wird (vgl. Mt 16,18), ist nicht ihr eigenes Verdienst oder ihre Leistung, sondern Gottes unwiderrufliche Verheißung und Tat. Mit der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums war Johannes Paul II. davon überzeugt, dass Gott die Kirche als "Sakrament, d. h. Zeichen und Werkzeug" des Heils (Lumen gentium 1) benutzt und dass vorrangig darin, also im Von-Gott-benutzt-werden, ihre unverbrüchliche Heiligkeit besteht. Für jedes Zeichen gilt nun aber, dass es niemals mit dem Bezeichneten identisch ist und dass der Bezeichnungsprozess semantisch misslingen kann, wenn Zeichen "scheitern", also mehrdeutig oder gar unverständlich werden.

Und so gilt augenscheinlich auch für das Zeichen Kirche, dass sie nicht selten Gottes wahres Antlitz mehr verhüllt, als es zu zeigen (Gaudium et spes 19), dass sie mehr Dia-bol als Symbol des Reiches Gottes ist (Leonardo Boff) und so – mit Worten aus der Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres 2000 Incarnationis mysterium – ein "Antizeugnis" für das Evangelium ablegt. Freilich versteht sich die Kirche – analog zu den eigentlichen Sakramenten – als wirkmächtiges Zeichen, das selbst bei wiederholtem semantischen Scheitern seine werkzeugliche Aufgabe bis ans Ende der Zeiten erfüllen wird. Dies bedeutete, dass Gott notfalls auch gegen den Willen und Widerstand der Kirche durch sie wirkt.

Franziskus' Neuauflage des Bußaktes

Papst Franziskus spricht ebenfalls nicht von der sündigen Kirche, aber doch von der "Kirche der Gerechten und der Heiligen, die sich als Arme und Sünder erkennen und um Vergebung bitten". Diese Formulierung entstammt seiner Predigt bei einer Bußvigil am 1. Oktober des vergangenen Jahres. Diese bislang leider kaum zur Kenntnis genommene Vigilfeier zum Auftakt der zweiten Sitzungsperiode der 16. Bischofssynode kann als veritable Neuauflage des Bußaktes von 2000 gelten.

Dabei scheint manche Kritik an dem historischen Bekenntnis Johannes Pauls II. konstruktiv berücksichtigt worden zu sein: So war der Rahmen der Feier sehr viel schlichter, es sind Opfer zu Wort gekommen und direkt adressiert worden, die Bekenntnisse beinhalteten auch gegenwärtiges Fehlverhalten und wurden in der 1. Person Plural ohne Selbstdistanzierung und unter Ausdruck von Scham vorgetragen. Vor allem aber lag ein deutlicherer Fokus auf der Notwendigkeit und Bereitschaft zur Änderung des eigenen Verhaltens im Hier und Jetzt sowie in der Zukunft. Die Rezeption dieser Bußvigil in der Breite des Gottesvolks und in der Theologie steht hoffentlich noch aus! Schließlich gilt für das aktuelle Heilige Jahr a fortiori das oben zitierte Wort des heiligen Papstes aus Polen: "Die Heilige Pforte des Jubeljahres … wird in symbolischer Hinsicht größer sein müssen als die vorhergehenden".

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