Die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Studien belegen seit Jahrzehnten für Deutschland und Westeuropa einen dramatischen Rückgang der sozialen Bedeutung des Christentums. Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner möchte sich jedoch mit dem religionssoziologischen Befund "nicht abfinden", wie er schreibt, und bemüht dafür das theologische Bild eines Gottes, der sich "gleichsam verbirgt, 'versteckt'". Mit diesem theologischen Argument will er den Ball wieder der "sozialwissenschaftlichen Religionsforschung" zuspielen: Sie soll "die Gottesverstecke im Leben und Zusammenleben heutiger Menschen" aufspüren.
Untaugliche Antworten
Es ist keine Böswilligkeit, wenn die Sozialwissenschaft darauf bestehen muss, den Ball dort zu lassen, wo er ist: bei der Theologie, denn viele der Antworten, die die Theologie auf die Erkenntnisse der religions- und kirchensoziologischen Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten gegeben hat, haben sich als untauglich erwiesen.
Wenn Paul M. Zulehner sie hier noch einmal wiederholt, so wird die Sache nicht besser. Das beginnt schon bei der Rede von der anthropologischen Unausweichlichkeit menschlicher Religiosität, der zufolge – wie nun auch Paul M. Zulehner sagt – Gott in jedem Menschen wohne. Im Westen Deutschlands sind es inzwischen etwa 50 Prozent der Bevölkerung, die ausdrücklich erklären, sie seien nicht religiös, glaubten weder an Gott noch an ein Höheres Wesen und ihnen seien religiöse Fragen egal. Im Osten Deutschlands beläuft sich der Anteil dieser Menschen auf etwa drei Viertel. Die Behauptung einer anthropologischen Notwendigkeit von Religion ist ein theologischer Schnellschuss, der versucht, das Problem der Säkularisierung ein für alle Mal vom Tisch zu wischen, der allerdings zugleich in einem harten Konflikt mit der empirischen Datenlage steht.
Um eine unzureichende theologische Antwort auf die sozialwissenschaftlichen Herausforderungen handelt es sich auch, wenn das Feld der Religiosität als so divers beschrieben wird, dass es durch die empirische sozialwissenschaftliche Analyse nicht erfasst werden könne. Auch diese Argumentation findet sich bei Paul M. Zulehner. Das religiöse Feld sei durch unterschiedliche Religionstypen charakterisiert, manche stärker kirchlich verfasst, andere mehr individualistisch, manche strukturell gefestigt und lokal zentriert, andere mehr suchend und offen. Zulehner unterscheidet im Anschluss an Grace Davie belonging und believing, dwelling und seeking – und verweist auf religiöse Komponisten, die ihre Religiosität, ohne sich kategorialen Vorgaben zu fügen, typenübergeifend ganz und gar selbständig zusammenstellen.
Das Ergebnis religionssoziologischer Forschungen besagt, dass religiöse Individualisierung, die sich durchaus nachweisen lässt, mit Tendenzen der Säkularisierung zusammengeht, dass religiöse Pluralität die Vitalität von Religion eher untergräbt, als stärkt, dass sich nicht-institutionalisierte individualisierte Religiosität mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit eher innerhalb der Kirche als außerhalb von ihr findet und dass die Kirche nach wie vor der wichtigste Repräsentant von Religiosität und (!) Spiritualität, ja nicht selten sogar von nichtchristlicher Religiosität ist.
Der Religionssoziologie ist die Pluralität des religiösen Feldes nicht neu. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den angeführten Unterscheidungen und untersucht ihre Ausprägungen sowie ihr Verhältnis zueinander. Das Ergebnis ihrer Forschungen besagt, dass religiöse Individualisierung, die sich durchaus nachweisen lässt, mit Tendenzen der Säkularisierung zusammengeht, dass religiöse Pluralität die Vitalität von Religion eher untergräbt, als stärkt, dass sich nicht-institutionalisierte individualisierte Religiosität mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit eher innerhalb der Kirche als außerhalb von ihr findet und dass die Kirche nach wie vor der wichtigste Repräsentant von Religiosität und (!) Spiritualität, ja nicht selten sogar von nichtchristlicher Religiosität ist.
Zur theologischen Verteidigungsstrategie gehört auch der Hinweis auf den besonderen Wert der qualitativen Forschung, die noch in ganz anderer Weise als die quantitative Forschung in der Lage sei, die verborgenen Orte des göttlichen Versteckspiels ausfindig zu machen.
Theologische Immunisierungsstrategie
Wenn dann das theologische Argument hervorgeholt wird, dass Gott kein Gebrauchsgegenstand sei und die Soziologie nur nach den Funktionen von Gott und seiner Nützlichkeit im Leben und Zusammenleben der Menschen fragen könne, dann ist endgültig klar, dass es sich um eine Strategie zur Abweisung sozialwissenschaftlicher Einsichten handelt, um eine Strategie, sich theologisch zu immunisieren. Es geht um Lernverweigerung. Abgesehen davon, dass man sich damit als Theologe den empirischen Befunden der Religions- und Kirchensoziologie verweigert, verpasst man aber auch eine wichtige Wirklichkeit des christlichen Glaubens, denn die Frage danach, welche Hilfe der Glaube an Gott im alltäglichen Leben bietet, ist für viele Gläubige relevant.
Die eingeschlagene Richtung ist der falsche Weg, um den Erkenntnissen der Religions- und Kirchensoziologie wirkungsvoll zu begegnen. Wie untauglich sie ist, kann man auch daran erkennen, dass ein Theologe und Priester wie Tomáš Halík ganz anders auf sie reagiert. Halík beschreibt das Lesen des Buches von Jan Loffeld, das die Diskussion in COMMUNIO angestoßen hat und auf das auch Zulehner sich bezieht, als einen schmerzhaften Prozess, der ihn ratlos gemacht habe. Seine Lektüre rege ihn dazu an, beharrlich und kreativ nach ehrlichen Antworten und praktischen Lösungen zu suchen. Was jetzt gefragt ist, ist Nüchternheit.
Nur wenn über die Gründe der dramatischen Prozesse des Bedeutungsrückgangs von Kirche und christlichem Glauben gesicherte Erkenntnisse vorliegen, lassen sie sich vielleicht abschwächen und Gegenbewegungen in Gang setzen.
Will die Kirche auf die dramatischen Relevanzverluste, die alle religiösen Dimensionen betreffen, nicht nur den kirchlichen Mitgliederbestand und Gottesdienstbesuch, sondern auch die individuelle Religiosität und Spiritualität, angemessen reagieren, muss die erste Frage sein, worauf diese Relevanzverluste zurückzuführen sind. Nur wenn über die Gründe der dramatischen Prozesse des Bedeutungsrückgangs von Kirche und christlichem Glauben gesicherte Erkenntnisse vorliegen, lassen sie sich vielleicht abschwächen und Gegenbewegungen in Gang setzen.
Dabei wird es sich vielfach um gesellschaftliche Entwicklungen handeln, denen die Kirche mehr oder weniger ohnmächtig ausgeliefert ist. Man denke etwa an Tendenzen der Individualisierung und des zunehmenden Anspruchs auf personale Selbstbestimmung, an die Relativierung weltanschaulicher Erklärungsansprüche, an Prozesse der funktionalen Differenzierung der religiösen Sinnformen von Wissenschaft, Kunst und Politik oder auch an die Attraktivitätsgewinne säkularer Praktiken wie Freizeitaktivitäten, Konsum, Restaurantbesuche, Wochenendfahrten usw. – Veränderungen, die zur Abschwächung der religiösen und kirchlichen Bindungen zum zur zunehmenden religiösen Indifferenz erheblich beigetragen haben.
Fahren auf Sicht
Von besonderem Interesse sind aber natürlich jene Bereiche, in denen die Kirche Handlungsmacht besitzt: etwa bei der Aufarbeitung und dem Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt, im Personalmanagement, in der Öffentlichkeitsarbeit, in der kirchlichen Arbeit mit Familien und Jugendlichen, in der Seelsorge, der Gottesdienstgestaltung, dem Religionsunterricht, der Kirchenmusik und nicht zuletzt auch in der Diakonie und Caritas. In diesen Bereichen besitzt die Kirche nach wie vor eine hohe Ressourcenausstattung, eine hohe Handlungskompetenz, know how, ein tüchtiges Personal. Arbeit im Kleinen, ein Fahren auf Sicht, Einsicht in das, was veränderbar ist und was nicht, kluges Management sind vonnöten und machbar.
Die Soziologie als Seelsorgerin
Das theologische Beharren auf veralteten Großeinsichten hingegen hilft nicht viel weiter. Im Gegenteil. Es kann sogar schaden. Denn die hidden message lautet: Gott ist am Werke; ihr Arbeiter im Weinberg des Herrn, ihr merkt es nur nicht, ihr verdinglicht Gott und meint ihn in euerer Kirchenzentriertheit für eure kleinlichen kirchlichen Belange einsetzen zu können; der Mensch ist eigentlich religiös, ihr Arbeiter im Weinberg des Herrn, ihr seid nur unfähig, die religiösen Saiten des Menschen zum Klingen zu bringen und seine verborgene religiöse Sehnsucht zu entdecken. Die Botschaft lautet mit anderen Worten: Wenn das hier mit der Kirche und dem Glauben den Bach runtergeht, dann liegt das ganz gewiss nicht an Gott und auch nicht an den gläubigen Menschen, sondern an Euch, die Ihr für die Kirche arbeitet und Euch von ihr bezahlen lasst. Ungewollt produziert man so ein hohes Maß an Frustration in den kirchlichen Berufen.
Die Rückgänge in den kirchlichen und religiösen Bindungen der Menschen, die heute so stark sind wie seit Jahrzehnten nicht, haben nicht nur und wahrscheinlich noch nicht einmal vorrangig etwas zu tun mit dem Handeln der Kirche, sondern mit säkularen Trends, denen die Kirche ausgesetzt ist.
Die Religions- und Kirchensoziologie steht hier der Kirche näher, denn ihre Botschaft lautet, die Rückgänge in den kirchlichen und religiösen Bindungen der Menschen, die heute so stark sind wie seit Jahrzehnten nicht, haben nicht nur und wahrscheinlich noch nicht einmal vorrangig etwas zu tun mit dem Handeln der Kirche, sondern mit säkularen Trends, denen die Kirche ausgesetzt ist wie alle gesellschaftlichen Institutionen. Es dürfte kaum übertrieben sein zu behaupten, dass die religions- und kirchensoziologische Forschung hier geradezu eine seelsorgerliche Funktion wahrnimmt.