Gott egal?Mehr Theologie wagen

Sie brauchen Gott nicht – und vermissen ihn nicht: die "Apatheisten". Jan Loffeld und Tomáš Halík meinen: Wir müssen akzeptieren, dass die religiöse Gleichgültigkeit in Europa auf dem Vormarsch ist. Aber vielleicht sollten wir uns mit dem religionssoziologischen Befund gar nicht abfinden, schon gar nicht, bevor wir ihn theologisch befragt haben.

Feuer
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"Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt" heißt ein viel diskutiertes Buch des Pastoraltheologen Jan Loffeld. Darin ist von "Apatheisten" und "Egalisten" die Rede. Der Autor greift damit zwei Wortschöpfungen von Tomáš Halík auf. Diese Menschen sind weder Gottesanhänger noch Gottesleugner, auch keine deistischen "Etwasisten". Apatheisten glauben nicht einmal nichts, so der Befund, sie hegen eine heitere Gottes-Apathie, mit der sie – ohne Trauer, Schmerz und Leere – bestens leben können.

Oftmals wird ein Trend ausgemacht, obwohl kaum etwas derart wackelig daherkommt wie die Trendforschung, vor allem wenn sie die Zukunft betrifft.

Es gehört zum Auftrag der Pastoraltheologie, die Entwicklung der religiösen Dimension der Kultur zu erforschen und zu deuten. Viele Langzeitforschungen für Europa oder auch für Österreich belegen eine beachtliche Transformation. Die Entwicklungen lassen sich unterschiedlich interpretieren. Die meisten Deutungen arbeiten datenbasiert. Andere nehmen es mit empirischen Befunden nicht so genau, sie präferieren den großen Wurf, der von einer Entdifferenzierung komplexer Befunde lebt. Oftmals wird ein Trend ausgemacht, obwohl kaum etwas derart wackelig daherkommt wie die Trendforschung, vor allem wenn sie die Zukunft betrifft.

Als einer, der mit Peter L. Berger und Thomas Luckmann gearbeitet hat, weiß ich beispielsweise, wie gebrechlich die Säkularisierungsannahmen sind. Ist Europa auf dem Weg dorthin? Dabei immigriert nach Europa gerade ein aufblühender Islam, florieren orthodoxe und griechisch-katholische Gemeinden. Selbst die Europäische Wertestudie belegt keine einheitliche Entwicklung hin zu einem säkularen Europa (was auch immer säkular oder säkularisiert bedeutet). Fast zwei Drittel glauben in Europa laut der Studie an einen Gott, vielen sind die Lebenswendenrituale wichtig. Natürlich sind die Entwicklungen in den konfessionell geprägten Regionen Europas höchst unterschiedlich. Der moderne Protestantismus Nordeuropas oder auch Englands ist das prominenteste Opfer der Moderne. Ganz anders die eher vormoderne Orthodoxie in Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien. Die katholischen Kulturen scheinen im Entwicklungsmittelfeld zu liegen. Dazu kommen freilich auch atheisierende Kulturen, die je eine eigene weltanschauliche Geschichte haben.

Nun gingen die Wissenssoziologen Berger und Luckmann davon aus, dass es in den europäischen Kulturen einen Wechsel from fate to choice gegeben hat. War Religion in Europa jahrhundertelang unentrinnbares Schicksal und formte diese eine Art soziokultureller Selbstverständlichkeit ("man lässt sein Kind taufen"), so können heute die Menschen alles wählen, nur nicht, ob sie wählen wollen. Es herrscht ein Zwang zur "Häresie", zur Wahl. Dabei ist in Anlehnung an Paul Watzlawick auch das Nichtwählen bereits eine Wahl. Menschen wählen Religion ab, sie wählen sich ein, dosieren selbst ihr Verhältnis zu organisierten Religionen, komponieren ihre eigene religiöse Musik, wobei es oftmals zwischen religiösen Passagen offenkundig auch lange Fermaten geben kann. In den empirischen Studien unterscheidet man zwischen dwellers und seekers (Charles Taylor); belonging und believing (Grace Davie) werden typologisch kombiniert. Damit sind aber keinesfalls alle bunten Typen eingefangen.

Dies alles stellt solide Religionsforschung vor schier unlösbare Herausforderungen. Taugen in solchen Zeiten überhaupt die herkömmlichen Forschungshypothesen samt darauf aufbauenden Frageinstrumentarien? Gibt es ausreichend qualitative Forschungen? Wie steht es um Langzeitstudien? Werden Untersuchungen gemacht, die Biografien über Jahrzehnte begleiten?

Ich "brauche" Gott nicht

Jan Loffeld meint: Der Typ der Gleichgültigen, die Apatheisten und Egalisten, sei zunehmend dominant, er sei dabei, sich in Europas Kulturen unaufhaltsam breitzumachen und alle anderen religiös-kirchlichen Typen bedeutungslos zu machen. Ich würde mit Peter L. Berger dem religiösen Pluralismus weitaus mehr Chancen geben. Aber gehen wir einmal versuchsweise von der Hypothese aus, dass Europa morgen tatsächlich "apatheistisch" sein wird.

Mit staunender Verblüffung wird vermerkt, dass die Gleichgültigen in ihrem Leben auch ohne Gott ganz gut zurechtkommen. Es "fehle" ihnen nichts, wenn Gott fehlt! Mich wiederum überrascht die Annahme, dass Gott zu einem guten Leben "gebraucht" werde. Ich hatte einmal vor einer Versammlung von Maturantinnen und Maturanten auf die Frage, wozu ich – als gläubiger Gottesgelehrter – Gott brauche, knapp geantwortet: "Ich brauche Gott nicht. Denn er ist zu nichts zu gebrauchen." Gott ist kein Gebrauchsgott. Von ihm gilt: "a rose is a rose, is a rose".

Die sozialwissenschaftliche Religionsforschung kann methodisch gar nicht anders, als nach Funktionen Gottes für das Leben und Zusammenleben der Menschen, damit nach Gottes Nützlichkeit zu fragen.

Und wenn schon "brauchen": Der Bewegung, die Jesus ausgelöst hat, geht es auch nicht darum, dass die Menschen Gott brauchen, sondern dass umgekehrt Gott in seiner Leidenschaft für die Welt (Joël 2,18) Menschen braucht, damit es auf der Erde "himmlischer" zugeht: mehr Wahrheit, mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe, mehr Frieden und Freiheit.

Nun kann die sozialwissenschaftliche Religionsforschung methodisch gar nicht anders, als nach Funktionen Gottes für das Leben und Zusammenleben der Menschen, damit nach Gottes Nützlichkeit zu fragen. Der Typ der religiös Gleichgültigen bewegt sich im Rahmen dieser sozialwissenschaftlichen Logik: nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Nicht zu früh aufhören, zu fragen

Nach den dramatisch vorgetragenen Befunden werden den Gottesanhängern und deren Gemeinschaften praktisch-theologische Ermutigungen mit auf den Weg gegeben: Sie sollten sich mit den irritierenden Befunden abfinden, ja anfreunden, und trotzdem resilient von Ihrer Gottanhänglichkeit Zeugnis geben.

Aber vielleicht sollten wir uns mit dem religionssoziologischen Befund gar nicht abfinden, schon gar nicht, bevor wir ihn theologisch befragt haben. Tomáš Halík hat in seinem vielleicht besten Buch "Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute" die anregende Frage formuliert, ob es nicht der "Grundfehler" der Atheisten sei, zu früh zu fragen aufzuhören. Vielleicht kann man mit ihm nunmehr fragen (vermutlich auch ihn selbst), ob nicht die Praktische Theologie angesichts der behaupteten "Apatheisierung" der Kulturen zu früh aufhört, theologisch weiterzufragen.

Ich versuche hier ein paar zögerliche Schritte auf diesem Weg. Daraus ergibt sich als Nebenprodukt eine dialektische Umkehrung: Es muss ja nicht immer die Praktische Theologie von den Sozialwissenschaften lernen, sondern das Lernen könnte einmal auch in der anderen Richtung verlaufen. Die Theologie könnte ungewohnte sozialwissenschaftliche Hypothesen generieren.

Sollten unsere europäischen Kulturen tatsächlich zunehmend "apatheistisch" sein – was hieße das mit Blick auf die zuvorkommende Gnade Gottes? Hat Gott aufgehört, die Herzen unserer Zeitgenossen zu öffnen? Hat er sie, wie es vom Pharao (Ex 7ff.) im Alten Testament heißt, gar "verschlossen", "verstockt"?

Die Apostelgeschichte berichtet über eine Purpurhändlerin aus dem kleinasiatischen Thyatira, die Paulus predigen hört. Über sie heißt es: "Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte" (Apg 16,14). Wäre sie eine Apatheistin geblieben, wenn Gott dem Tun des Predigers nicht mit seiner Gnade zuvorgekommen wäre?

Sollten aber unsere europäischen Kulturen tatsächlich zunehmend "apatheistisch" sein – was hieße das mit Blick auf die zuvorkommende Gnade Gottes? Hat Gott aufgehört, die Herzen unserer Zeitgenossen zu öffnen? Hat er sie, wie es vom Pharao (Ex 7ff.) im Alten Testament heißt, gar "verschlossen", "verstockt"? Kein noch so engagiertes pastorales Handeln kann das Öffnen des Herzens ersetzen, ohne sich maßlos zu übernehmen. `

Oder besteht das Problem darin, dass die Kultur lärmend geworden ist, wie Benedikt XVI. beklagte? Sind die Menschen derart "zugedröhnt", dass sie, gotttaub geworden, die leise Musik Gottes nicht mehr hören? Aber greift nicht auch diese Deutung zu kurz? Wenn die Herzenshörkraft der Zeitgenossen für die Musik Gottes schwächer geworden ist, weil die Kultur zu laut ist: Könnte Gott dann nicht einfach lauter spielen?

Gott wohnt in jedem Menschen

Teresa von Ávila schreibt in ihrem geistlichen Meisterwerk "Wohnungen der inneren Burg" (1577), dass die Seele jedes Menschen mehrere Wohnungen habe. In der innersten wohne Gott selbst. Und zwar in jedem Menschen: in Gottsuchern, Gottesanbetern, Zweiflern, aber auch in Atheisten und Gleichgültigen. Wenn Charles Taylor konsequente Gottesanhänger dwellers nennt – wäre es theologisch besehen nicht ebenso angemessen, von Gott zu sagen, er sei ein dweller in jedem Menschen? Mystiker sind das, was unter den Typen der Religionsforschung und der von ihr eingerichteten Gottesbildergalerie in modernen Kulturen kaum vorkommt: Panentheisten. Gott hält jedes Geschöpf im Zuge der creatio continua am Leben, begleitet das Leben eines jeden Menschen, und macht sich, so Teresa, durch "leises Pfeifen" vernehmlich.

Hildegard von Bingen sieht in ihren Visionen daher die ganze Schöpfung und ihre Entwicklung im göttlichen Feuerbauch: Gott gebiert die Schöpfung fortwährend.

Was Teresa von Avila vom einzelnen Menschen erahnt, findet sich analog Jahrhunderte später im grandiosen Evolutionsentwurf von Pierre Teilhard de Chardin. Gottes Liebesgeist schwebte der Genesis zufolge am Beginn über dem Tohuwabohu (Gen 1) und treibt seither, so der leider immer noch nicht kirchlich rehabilitierte Jesuit, die Evolution voran, bis sie am Ende der Zeiten den vollendenden Punkt "Omega" erreichen wird.

Nimmt man Anwesenheit und Nichtwahrnehmung zusammen, dann lässt sich daraus folgern, dass Gott sich gleichsam verbirgt, "versteckt". Daraus könnte sich eine neuartige sozialwissenschaftliche Religionsforschung ergeben. Diese würde versuchen, Gottesverstecke im Leben und Zusammenleben heutiger Menschen aufzuspüren.

Folge ich solchen Überlegungen, dann ergeben sich aus der Annahme, unsere Kultur sei "apatheitisch", weitere theologische Fragen. Einerseits ist theologisch gut begründet anzunehmen, dass Gott auch heute unentwegt am Werk und nicht untätig ist. Andererseits scheint bei einem (wachsenden?) Teil der Bevölkerungen in manchen Teilen Europas die Fähigkeit zur Gotteswahrnehmung und seines schöpferisch-evolutionären Wirkens nicht (mehr) vorhanden zu sein. Nimmt man nun Anwesenheit und Nichtwahrnehmung zusammen, dann lässt sich daraus folgern, dass Gott sich gleichsam verbirgt, "versteckt". Daraus könnte sich eine neuartige sozialwissenschaftliche Religionsforschung ergeben. Diese würde versuchen, Gottesverstecke im Leben und Zusammenleben heutiger Menschen aufzuspüren. Für das Handeln der Kirche ließe sich von hier aus fragen, wie dieser Schatz des "Gottvorkommens" gehoben werden könnte. Der Akzent pastoralen Handeln würde sich von einer Pastoral des kirchenzentrierten Gottesimports zu einer Pastoral des Gottaufspürens verlagern.

Zu derartigen Fragen finde ich in der modernen Mystik und Poesie viele Anknüpfungspunkte. Der Mystiker aus New Mexiko, Richard Rohr, nimmt an, dass sich Gott heute am ehesten dort versteckt, wo sich great love and great suffering ereignen. Jonathan Wittenberg, Rabbiner der North London New Synagogue, nahm an einem ökumenischen Gottesdienst in Babi Yar bei Kiew teil. Dort hatten die Nazischergen in zwei Nächten über dreißigtausend Juden ermordet. Wo bleibt Gott in diesem sinnlosen Krieg, so fragt er mit Blick auf den griechisch-katholischen Bischof aus Kiew. Seine Antwort: Könnte Gott in einem russischen Soldaten versteckt sein, der in einem ukrainischen Schützengraben kämpft? Für Teresa von Kalkutta waren die auf den Straßen einsam Sterbenden Gottesverstecke. Als Nick Cave durch Unfälle seine zwei Söhne verlor, verfiel er in eine depressive Trauer und war tief enttäuscht, dass die Kirchen leer sind und keine Orte sind, sich zurechtzufinden.

Gottesverstecke aufspüren

Der Züricher Dichter und reformierte Pastor Kurt Marti wiederum schrieb in Anlehnung an den Koran ("Wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen alles, was sein Fleisch ihm zuflüstert; denn Wir sind ihm näher als die Halsader (Sure 50,16) folgendes Gedicht:

großer gott klein

großer gott: uns näher
als haut oder
halsschlagader kleiner
als herzmuskel
zwerchfell oft: zu
nahe zu klein –
wozu dich suchen?
wir: deine verstecke

Die methodologische Provokation für die Religionsforschung bestünde darin, Instrumente zu entwickeln, um solche Gottesverstecke aufzuspüren und nach dem Gottvorkommen wie nach dem Vorkommen seltener Erde zu suchen. Mit Überraschungen ist zu rechnen. Solche theologisch inspirierte Religionsforschung würde manche gängige Forschungsannahmen relativieren und differenzieren.

Allerdings fehlen dazu oftmals Sprache und Bilder: sowohl den Apatheisten wie denen, die sie erforschen. Es mangelt zudem an biografieforscherischer Geduld. Auch die Träume der Menschen müssten einbezogen werden. Vor allem Erfahrungen von great love and great suffering könnten ergiebige Forschungsfelder bilden. Liegt hier vielleicht auch der Grund, warum gerade zu den Lebenswenden, die als Ereignisse verdichteten Lebens erfahren werden, selbst Atheisten und Gleichgültige Rituale wünschen: notfalls auf dem freien Ritualmarkt, weil Kirchen die Rituale zum Verbreiten ihrer Gottesverkündigung "pädagogisieren".

Es braucht die mystagogische Kunst, das "Gottvorkommen", jetzt im Sinn des Hervortretens Gottes aus seinen Verstecken, zu unterstützen. Die Frage ist, ob und wie mit Gottes zuvorkommender Gnade der versteckte Gott "hervorkommen", also im Leben eines Apatheisten wahrnehmbar werden könnte.

Das Fragen nimmt kein Ende: Kann man im ergreifenden Pathos von Liebe und Leid wirklich "apatheistisch" sein? Ist Apatheismus vielleicht ein Symptom kultureller Empathiearmut? Sollte Johann B. Metz recht behalten, dass leidunempfindlich wird, wer gottvergessen ist und umgekehrt: Weil es um ein und dieselbe Leidensfähigkeit, um dieselbe Leidenschaft geht, die Leiden schafft?

Auch für das pastorale Handeln sind solche Reflexionen hilfreich. Es braucht die mystagogische Kunst, das "Gottvorkommen", jetzt im Sinn des Hervortretens Gottes aus seinen Verstecken, zu unterstützen. Die Frage ist, ob und wie mit Gottes zuvorkommender Gnade der versteckte Gott "hervorkommen", also im Leben eines Apatheisten wahrnehmbar werden könnte.

Dabei halte ich es mit Ernest Hemingway, der in seinem Bestseller "For Whom the Bell Tolls" (1940) beiläufig die Mutter der jungen Frau, die der Soldat liebt, sagen lässt: "Nur dreimal im Leben wackelt die Erde!" Oder theologisch reformuliert: Dass Gott es schafft, im Leben von Liebenden und Leidenden sich wenigstens dreimal im Leben, gegebenenfalls auch erst im Liebesleid des Sterbens, unvorhergesehen, nicht machbar und überraschend vernehmlich zu machen. Auch im Leben von Apatheisten. Why not?

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