Christentum und GesellschaftKeine Kirche des Wohlstandsevangeliums

Nicht nur in den USA wird das Evangelium als Begründung für Ausgrenzung und diskriminierende Haltungen bemüht. Dem müssen Kirche und Theologie widersprechen.

Ursula Nothelle-Wildfeuer
© Flo Huber

Wozu eigentlich dient in unseren säkularisierten und hochkomplexen Gesellschaften der christliche Glaube? Gerade von einer Konferenz in Chicago zurückgekehrt, fallen mir dazu sofort die Ansätze der Administration unter Donald Trump ein: Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance gab vor wenigen Wochen eine sehr einfach klingende, vermeintlich katholische Begründung für die Trump‘sche Flüchtlings- und Migrationspolitik. Thomas von Aquin und dessen ordo amoris, die Ordnung der Liebe, dienten als Grundlage zur Erläuterung gestufter Verantwortlichkeit: „Wir sollten zuerst unsere Familie lieben, dann unsere Nachbarn, dann unsere Gemeinschaft lieben, dann unser Land und erst dann die Interessen vom Rest der Welt berücksichtigen.“ So weit so falsch, denn es geht im ordo amoris eben nicht um eine sozial gestaffelte Rangordnung, in der, auf heute übertragen, Migranten ganz weit unten auf der Leiter stehen. Vielmehr, so der Dominikaner und Sozialethiker Thomas Eggensperger, geht es um eine sinnvolle Ordnung, in der man den Bedürftigen mehr zu lieben hat als den im Überfluss Lebenden.

Ein zweites Beispiel liefert das auch in Amerika anzutreffende „prosperity gospel“, das Wohlstandsevangelium. Die aktuelle Chefberaterin des Glaubensbüros des Weißen Hauses, Paula White-Cain, veröffentlichte kürzlich ein Video, in dem sie übernatürlichen Segen für die verspricht, die in der vorösterlichen Zeit (Passover holiday) an ihr Ministerium spenden. Der amerikanische Sozialphilosoph Michael Sandel hat mit Recht sehr deutliche Kritik an einer solchen Interpretation des Evangeliums geübt, die Gnade mit vorheriger (monetärer) Leistung des Menschen verbindet beziehungsweise das die meritokratische Gesellschaft mit göttlichem Segen versieht. Denn damit, so seine Kritik weiter, diene das Evangelium dazu, die Einteilung der Gesellschaft zu manifestieren, in der auf der einen Seite die stehen, die fleißig und deswegen von Gott auserwählt sind, in dieser Gesellschaft verdienstvoll voranzukommen. Auf der anderen Seite seien die zu finden, die – so die Perspektive - zu wenig Eifer und Fleiß an den Tag legen und deswegen weder bei Gott Gefallen finden noch in der Gesellschaft weiterkommen können.

Gerade gegenwärtig wird oft auch in hiesigen Kontexten die christliche Botschaft und der Bezug auf das vermeintliche christliche Abendland bemüht, um eine ideelle Mauer zu bauen und die, die nicht zur gleichen Kultur, Religion, oder, wie in den USA, zur Finanzkraft in der Gesellschaft gehören, auszugrenzen. Aus der Perspektive einer christlichen Sozialethik ist hier mit Sandel Kritik zu üben, denn das Evangelium erweist in der Tat Gott nicht als denjenigen, der in menschlichen Verdienst- und Leistungskategorien denkt und dazu beiträgt, Mauern innerhalb einer Gesellschaft zu ziehen. Vielmehr ist Gott gerade der, der denen zur Seite steht und zum aufrechten Gang verhilft, die, in menschlichen Schablonen gedacht, nicht erfolgreich sind, sondern die am Rande einer solchen meritokratischen Gesellschaft stehen. Die Heilszusage Gottes gilt vor jeder menschlichen Leistung. Wie viel Entlastung und Entspannung könnte das in den alltäglichen Kampf in einer modernen komplexen Gesellschaft bringen, wenn es gelingen würde, auf diese Zusage vertrauend einen Beitrag zur menschenwürdigen Gestaltung des eigenen und des gesellschaftlichen Lebens zu leisten – dies aber im Wissen darum, dass nicht alles allein durch uns geschehen muss und gelingen wird.

Unsere Konferenz in Chicago fragte nach dem Beitrag der Ökonomie zur sozialen Kohäsion in einer komplexen, säkularisierten und krisengeschüttelten Gesellschaft. Der Beitrag des Glaubens und der Kirche zur sozialen Kohäsion könnte dann genau der sein: den Schutzlosen Raum geben und für den Rechtsstaat eintreten, den Mittellosen Unterstützung bieten und sich für soziale Sicherheit engagieren, denen, die in der Öffentlichkeit nicht mehr benannt werden dürfen, ein Ansehen geben und sich für ihre Rechte engagieren, denen, die auf der Suche sind, den Gott des Evangeliums erfahrbar werden lassen und sich gegen eine politisch-programmatische Vereinnahmung der frohen Botschaft wenden.

Anzeige: Wer's glaubt ... Meine Seligpreisungen. Von Beatrice von Weizsäcker

Die Herder Korrespondenz im Abo

Die Herder Korrespondenz berichtet über aktuelle Themen aus Kirche, Theologie und Religion sowie ihrem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld. 

Zum Kennenlernen: 2 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen