Kurzpredigt: 1. Sonntag nach EpiphaniasÜber den Jordan gehen

1. Sonntag nach Epiphanias: Josua 3,5-11.17

Möchten Sie über den Jordan gehen? Wohl eher nicht, oder? „Über den Jordan gehen“ ist bei uns sprichwörtlich und heißt im Normalfall nichts Gutes. Wenn etwas über den Jordan gegangen ist, gilt es als unrettbar verloren. Und wenn das von Menschen gesagt wird, bedeutet es, dass sie verstorben sind.
In unserer Zeit ist der Jordan ein Grenzfluss in einem Krisengebiet. Auf der einen Flussseite findet sich Jordanien. Auf der anderen Israel und das Westjordanland. Im derzeitigen Krieg ist der Jordan für Israel sicher noch eine der einfacheren Grenzen, aber eine wirklich offene Grenze mit leichtem Grenzübergang, wie wir das im Schengen-Raum eigentlich gewöhnt sind, ist das selbst in entspannteren Zeiten nicht gewesen und ist es heute erst recht nicht. Trotzdem ist das die einzige Grenze, über die wir, die wir weder Israeliten noch Palästinenser sind, uns im Krisenfall, wenn die Flughäfen geschlossen sind, retten können. Freunde von uns haben das beim Ausbruch des jetzigen Krieges erlebt. Sie saßen erst in Bethlehem fest und beobachteten ängstlich die anfliegenden Raketen. Schließlich konnten sie über Jordanien ausreisen. Sie sind über den Jordan gegangen, um sich aus dem Kriegsgebiet in friedliche Länder zu retten. Für sie war das „über den Jordan“-Gehen Verheißung der Rettung.

In unserer Erzählung aus dem Buch Josua stehen die Israeliten am Jordan. Endlich sind sie an dessen Ostufer angekommen. Voller Sehnsucht schauen sie hinüber zum anderen Ufer. Denn da liegt das Land ihrer Sehnsucht, das Land, das ihnen von Gott verheißen wurde.
Vor vierzig Jahren waren die Israeliten aus Ägypten ausgezogen. Es war nach vielen Jahren der Sklaverei ihre einzige Chance als Volk zu überleben. Aber der Pharao wollte sie nicht ziehen lassen. Unter der Leitung von Mose, den Gott dazu berufen hatte, waren die Plagen über Ägypten gekommen und war Israel aufgebrochen. Doch der Pharao gab nicht klein bei, sondern schickte seine Armee hinter den Israeliten her. Doch Mose teilte im Auftrag Gottes das Schilfmeer, so dass die Israeliten trockenen Fußes hindurchzogen, während die zurückkehrenden Wassermassen die ägyptische Armee vernichteten.

Es folgte eine lange Wanderung durch die Wüste mit Höhen wie die Übergabe der Zehn Gebote durch Gott oder die Speisung mit Manna, und vielen Tiefen wie die Anbetung des Goldenen Kalbes und so manches Murren gegen Gott. Und schließlich waren sie dem verheißenen Land trotz notwendiger Umwege immer nähergekommen. Allerdings war Mose kurz vor Erreichen des Jordan verstorben. Er konnte sie nicht mehr führen, da er nach Gottes Willen das verheißene Land nicht betreten sollte. Aber Gott gab ihnen einen neuen Führer, indem er Josua berief und ihn beauftragte, die Israeliten in das verheißene Land zu bringen.

Die Israeliten stehen am Ostufer des Jordans und wollen gerne über den Jordan gehen und so endlich das verheißene Land erreichen. Doch wie? Der Jordan führt viel Wasser, und Mose, der das Meer geteilt hatte, ist ja verstorben.
Da spricht Gott zu Josua und gibt ihm Anweisung und Zuspruch. Die Bundeslade soll durch die Priester in den Jordan getragen werden, also die Lade, die die Gebotstafeln enthält und die das große Symbol für Gottes Bund mit Israel ist. Gott zeigt ihnen, dass er bei ihnen ist, dass er sie begleiten wird, dass er für sie sorgen wird. „Daran“,“ spricht Gott, „daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.“ (Josua 3,10a) Und die Israeliten haben es gemerkt, denn wiederum haben sich die Wassermassen geteilt. Wiederum konnten sie trockenen Fußes an das andere Ufer gelangen. Sie sind gerne über den Jordan gegangen in das verheißene Land.
Durch diese Erfahrung wurde das „Über-den-Jordan-Gehen“ sprichwörtlich und bedeutet eigentlich, dass jemand in Gottes verheißene Zukunft gelangt.
Zirka eintausendfünfhundert Jahre später haben die Israeliten erneut Sehnsucht. Nun nicht nach dem verheißenen Land, denn in dem leben sie, auch wenn sie unter römischer Besatzungsmacht stehen; aber nach dem Messias oder dem Christus, der Israel befreien und das Reich Gottes aufrichten soll. Sie stehen symbolisch am Jordan und hoffen auf Gottes verheißene Zukunft. Und wiederum beruft Gott einen: Jesus steht im Jordan und wird von Johannes getauft. Und wiederum gibt Gott seinem Volk ein Zeichen. Der Geist Gottes kommt wie eine Taube auf Jesus herab, und Gott spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 3,17b)
Die Erfüllung der Verheißung war anders, als viele Israeliten es erwartet hatten, aber durch sein Leben, Leiden, Sterben und seine Auferstehung hat Gottes Sohn weit mehr aufgehalten als nur die Wasser des Schilfmeeres oder des Jordan. Er hat für uns den Tod überwunden und uns den Weg in Gottes Reich eröffnet. In diesem Sinne werde ich dereinst gerne über den Jordan gehen. 

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