Rezensionen: Theologie & Kirche

Rutishauser, Christian M. / Schmitz, Barbara / Woppowa, Jan (Hgg.): Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Studienhandbuch für Lehre und Praxis.
Stuttgart: utb. 256 S. Kt. 39,–.

Der 7. Oktober 2023 hat zu einer unfassbaren Zunahme des Antisemitismus in Deutschland und auch weltweit geführt. Dass Antisemitismus durch den christlichen Antijudaismus jahrhundertelang genährt wurde, ist nicht neu. Seit den Veränderungen der vergangenen Jahre ist aber klar, dass die katholische Kirche alles tun muss, um nicht mehr Anlass für judenfeindliche Haltungen zu geben.

Deshalb kommt diese Neuerscheinung zum richtigen Zeitpunkt: Die bahnbrechenden Veränderungen im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum seit inzwischen fast sechzig Jahren sind zwar außergewöhnlich. Aber der Herausgeber Christian M. Rutishauser SJ und sämtliche Autoren betonen ausdrücklich, dass noch nicht alles getan wurde, was möglich ist.

Rutishauser führt im grundlegenden Teil in den aktuellen Stand des katholisch-jüdischen Dialoges ein. Die Gespräche auf hochoffizieller Ebene zwischen vatikanischen Vertretern und Vertretern der bedeutendsten internationalen Rabbinerkonferenzen haben eine vertrauensvolle Beziehung ermöglicht. Es ist inzwischen unumstritten, dass der „Theologie der Verachtung“, also dem Antijudaismus in der Theologie, ein Ende gesetzt werden muss. Ob die weitreichenden Inhalte der Stellungnahmen der Päpste und der Rabbinerkonferenzen bisher angemessen umgesetzt sind und die breite Basis der Katholiken erreicht hat, ist Thema dieses Buches. Das Anliegen der Herausgeber dreht sich um diesen Angelpunkt: Der christlich-jüdische Dialog soll nicht mehr vorrangig ein Diskurs unter Spezialisten sein, sondern: „Es soll die in der pastoralen und religionspädagogischen Praxis aktiven Theologinnen und Theologen sowie Studierende und Dozierende dazu befähigen, in Verkündigung, Bildungsarbeit und Lehre sachorientiert und differenzsensibel mit Fragen des jüdisch-christlichen Verhältnisses umzugehen.“ Das heißt, das bisher Erreichte im jüdisch-christlichen Dialog muss durchbuchstabiert werden in allen Disziplinen der katholischen Theologie und muss in Konzepte übersetzt werden, die Professionelle in Pastoral und Bildungsarbeit dazu befähigen, gegen judenfeindliche Einstellungen präventiv wirksam zu sein. Dass dieses Anliegen kein ausschließlich katholisches ist, verdeutlichen die fundierten Beiträge von jüdischer und protestantischer Seite.

Die Autoren dieser Monografie verdeutlichen dieses Anliegen für alle theologischen Disziplinen bis auf die Bereiche Kirchenrecht und theologische Ethik. Dabei wird in allen Beiträgen dokumentiert, inwieweit der jüdisch-christliche Dialog die Disziplin verändert hat und welche Impulse von der Fachdisziplin auf den Dialog zwischen Christentum und Judentum ausgehen. Im Folgenden wird kurz skizziert, dass sich am Beispiel der Dogmatik zeigt, dass noch viel Nachholbedarf besteht, in der alttestamentlichen Exegese hingegen das genannte Anliegen deutlich mehr Fortschritte zu verzeichnen hat und die Religionspädagogik sehr auf die Weiterentwicklung der theologischen Disziplinen angewiesen ist und zudem auf geeignete Handlungskonzepte.

Für die systematische Theologie betont Gregor Maria Hoff, dass das Dokument Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils als lehramtliche Verpflichtung zu verstehen ist, die neuen Aspekte in die jeweilige theologische Disziplin umzusetzen. Der in Nostra Aetate neu zugestandene grundlegende Bezug der katholischen Theologie auf die Glaubensgeschichte Israels und das lebendige Judentum erfordert eine Systematisierung. Ansonsten sieht Hoff die Gefahr, dass der lehramtliche Glaube der katholischen Kirche den Boden unter den Füßen verliert. Er weist darauf hin, dass trotzdem bis heute eine solch konsequent durchgeführte systematische Theologie sowohl in der Fundamentaltheologie als auch in der Dogmatik fehlt. Diesen unerfüllten Auftrag hat Papst Johannes Paul II. in seiner Rede 1980 in Mainz mit dem „nie gekündigten Alten Bund“ noch zugespitzt. Mit dieser neuen theologischen Interpretationsfigur im katholisch-jüdischen Dialog wird ein echter Dialog mit dem Judentum gefordert. Johannes Paul II. Interpretiert den Dialog mit dem Judentum als gleichzeitigen Dialog innerhalb der katholischen Kirche und versteht ihn als Dialog zwischen dem ersten und zweiten Teil ihrer Bibel. Er ist als Auftrag an die gesamte Theologie zu verstehen. Für die Umsetzung dieses Auftrages gibt Hoff Impulse und konkretisiert weitere Herausforderungen.

Barbara Schmitz bezieht sich als Exegetin des Alten Testaments ebenfalls auf Äußerungen Papst Johannes Pauls II. zum christlich-jüdischen Verhältnis. Seine Positionierung bei seinem Besuch in der Großen Synagoge in Rom, dass die jüdische Religion für die Katholische Kirche nicht etwas „Äußerliches“ ist, sondern in gewisser Weise zu ihrem „Inneren“ gehört, bedeutet einen neuen inneren Bezug der Theologie zum Judentum. Schmitz stellt in ihrem Beitrag die Frage, welche fundamentalen Konsequenzen für das Alte Testament mit diesem inneren Bezug der Theologie zum Judentum verbunden ist. Einen wichtigen Beginn der Umsetzung des Anliegens Papst Johannes Pauls II. sieht sie in den gelungenen Grundlagentexten der vatikanischen Bibelkommission. Sie formuliert außerdem Herausforderungen für die Zukunft, u.a. den Auftrag, heutige jüdische Bibelexegesen und die der Tradition in die eigene Forschung miteinzubeziehen. Weiterhin wird die noch ausstehende Auseinandersetzung der christlichen Theologie mit dem Thema der Landverheißung an Israel in der hebräischen Bibel benannt.

Die fachliche Ausbildung der Religionslehrkräfte ist angewiesen auf die Weiterentwicklung der theologischen Fachdisziplinen bzgl. des jüdisch-christlichen Dialoges. Zudem ist die Praxis mit weiteren Herausforderungen konfrontiert und die Relevanz einer dialog- und pluralitätsbefähigenden Bildung nimmt stetig zu.

Wenn Schülerinnen und Schüler unreflektiert klassische Stereotype über das Judentum reproduzieren, mag dies aufgrund von Nichtwissen oder fachlicher Unwissenheit geschehen. In seinem Beitrag dokumentiert Jan Woppowa, dass in Studien über den katholischen Religionsunterricht solche Unsicherheiten nicht nur bei Schülerinnen und Schülern, sondern auch bei Lehrkräften festgestellt wurden. Deshalb hält er einen entsprechenden Kompetenzerwerb in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung für unumgänglich. Für die Sensibilisierung der Lehrkräfte für das Thema Antijudaismus ist sowohl der Erwerb von Fachwissen über das Judentum, jüdisches Leben und Denken als auch ein Einblick in das jüdisch-christliche Verhältnis von Bedeutung. Neben dem Fachwissen ist die Antijudaismusprävention insbesondere auf die Haltung der Religionslehrkraft angewiesen –eine Haltung, die im eigenen Fachgebiet und in der Praxis des Religionsunterrichtes Judenfeindschaft und Antisemitismus ausschließt. Für die entsprechende Umsetzung der Antijudaismusprävention hält Jan Woppowa eine geschulte Reflexivität, d.h. in der Praxis Antisemitismus oder Antijudaismus erkennen und entlarven zu können, für unerlässlich.

                Margaretha Hackermeier

Delgado, Mariano / Leppin, Volker (Hgg.): Homo orans. Das Gebet im Christentum und in anderen Religionen (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte 30).
Basel und Stuttgart: Schwabe und Kohlhammer 2022. 545 S. Gb. 74,–.

Zu einem grundlegenden Thema aller Religionen wird hier ein Kompendium vorgelegt, zu dem Fachleute verschiedener Disziplinen mit einer Vielfalt an Zugängen beigetragen haben. Aus der Fülle kann ich hier nur weniges herausgreifen:

Dietmar Mieth schreibt anregend über das Gebet bei Meister Eckhart, etwa wie dieser das Gebet ganz auf die Abgeschiedenheit hin orientiert: „Was ist das Gebet des abgeschiedenen Herzens? [… Es] kann nicht beten (im Sinne von bitten), denn wer betet, begehrt etwas von Gott, damit es ihm erfüllt werde, oder er begehrt, dass Gott ihm etwas wegnehme. Nun begehrt aber das abgeschiedene Herz überhaupt nichts, es hat auch nichts, wovon es befreit werden möchte. Deshalb ist es frei von allem Gebet und sein Gebet ist nichts anderes als die Einförmigkeit mit Gott (und dessen Willen)“ (159). Hier drückt der Meister unnachahmlich die Ruhe in Gott aus, Urerfahrung aller Mystik – sie scheint in den Beiträgen des Buches immer wieder auf.

Mariano Delgado schreibt über das innere Gebet im Spanien des 16. Jahrhunderts: Dieses wurde von vielen Autoren höher geschätzt als das mündliche oder betrachtende Gebet. Strittig blieb unter ihnen, ob man, wenn man zum inneren Beten gekommen ist, das mündliche Beten aufgeben oder ob man es weiter praktizieren soll. Einige Autoren lehnten das mündliche als die zu überwindende Form letztlich ab, andere – etwa die großen Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz – schätzten es bleibend und empfahlen es weiter. Delgado schreibt, die Exerzitien des Ignatius von Loyola seien eher diskursiv und wurden deshalb von Zeitgenossen kritisiert – eine Kritik, der wohl auch er selbst anhängt. Eindrücklich beschreibt er die Konflikte ab Ende des 16. Jahrhunderts, als die Jesuiten die Exerzitien wirklich diskursiv und antimystisch sowohl auslegten wie praktizierten und sich entsprechend von den Anhängern des inneren, mystischen Gebets distanzierten – später setzten sie sich lehramtlich durch, und das mystische Gebet wurde unterdrückt. Bestreitbar ist freilich, ob diese Interpretation die ursprüngliche Intention der Exerzitien trifft, die immer auch zum affektiven und inneren Gebet hinführen wollten; im 20. Jahrhundert wurden diese Praxis und diese Theologie der Exerzitien wiederentdeckt. Christian M. Rutishauser SJ legt in seinem anschließenden Beitrag über die Gebetsweisen der Exerzitien nachdrücklich eine solche neuere, alle Kräfte der Seele und eine große Vielfalt an Gebetsweisen einschließende Interpretation der ignatianischen Exerzitien vor.

Einige anregende Beiträge seien kurz erwähnt: Anfangs geht es unter dem Titel biblisches Beten um das jüdische Beten (Annette M. Böckler), um das der Psalmen (Ludger Schwienhorst-Schönberger) und um das Gebet in den Evangelien und bei Paulus (Michaela Stoßberg). Einige Beiträge gehen um Gebetsformen in der Kirchengeschichte. Margit Eckholt schreibt einen bewegenden Essay über Michel de Certeau SJ, für den Gebet eine „körperliche Reise zum Jenseitigen“ darstellt – die Gesten, der Körper, die Sinne, das Wandern sind Wege zu Gott. Simon Peng-Keller deutet das kontemplative Gebet theologisch und praktisch aus. Joachim Negel versucht sich abschließend an einer Theologie des Gebets, die auch die heute so stark erfahrene Vergeblichkeit des Betens thematisiert – ein seinem Text hinzugefügter Anhang beschreibt das Gebet des russischen Patriarchen Kyrill als pervertiert, blasphemisch….

Kritisierbar wäre, was alles fehlt in dem Buch: geschichtlich u.a. das 18. und das 19. Jahrhundert; interreligiös kommt außer dem Buddhismus kaum etwas vor – doch Vollständigkeit ist einem solchen Werk unmöglich. Zu schätzen ist freilich, was das Buch fast unerschöpflich bietet: einen reichen Einblick in die lange und vielfältige Gebetslehre und -praxis nicht nur von Christen, und das gut lesbar und auf beeindruckend hohem reflexiven Niveau.

                Stefan Kiechle SJ

Marschütz, Gerhard: Gender. Ideologie!? Eine katholische Kritik.
Würzburg: echter 2023. 240 S. Gb. 29,–.

Bei den beiden Familiensynoden 2014 und 2015 konnte man den Eindruck gewinnen, dass bei allen Kontroversen in unterschiedlichen Positionen es doch einen einigenden Punkt gab: die Ablehnung von Gender-Ansätzen. Inhalt des vom Wiener Dogmatiker vorgelegten Buches ist eine Auseinandersetzung mit dieser ablehnenden Haltung.

Im ersten Kapitel „Gender-Ideologie!“ stellt Marschütz die katholische Kritik anhand der Äußerungen der drei letzten Päpste dar, aber auch die aus dem nichtlehramtlichen Bereich, z.B. die von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz oder Gabriele Kuby. Hier kann als wesentliches Element genannt werden, dass die Betonung eines natürlich vorgegebenen Geschlechterbildes die Grundlage für die Ablehnung von Gender-Ansätzen ist, denen in der Bestimmung des Geschlechts Willkür vorgeworfen wird. Das zweite Kapitel „Gender-Ideologie?“ ist gleichsam eine Kritik der Kritik, also eine Auseinandersetzung mit diesen Vorwürfen. Hier seien nur stichwortartig drei Befunde genannt, nämlich dass das Willkürargument bei der führenden Gender-Theoretikerin Judith Butler nicht greift, weil sie biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht bestreitet. Ferner, dass das biologische Geschlecht in der Humanbiologie durch vier unterschiedliche einander sich möglicherweise widersprechende Aspekte bestimmt werden kann; so kann es z.B. zu Differenzen zwischen der anatomischen Geschlechtsbestimmung und einer Genanalyse kommen. Schließlich, dass die katholische Kritik an den Gender-Ansätzen der fundamentalistischen Versuchung unter den Stichworten Autoritarismus, In-Group/Out-Group-Denken und Dogmatismus unterliegt. Im letzten Kapitel „Weiterführende Perspektiven“ stellt der Verfasser Veränderungsforderungen an die katholische Kirche, bei der der Gedanke, dass der Primat des naturrechtlichen Denkens zugunsten des Primats der Liebe aufgegeben werden muss, im Vordergrund steht. Dies führt am Ende zu der Feststellung, dass die Integration der Menschenrechte in das katholische Denken und die Erfüllung dieser Aufgabe noch ausstehen.

Auch wenn Marschütz sich klar gegen die katholische Kritik an den Gender-Ansätzen positioniert, gibt er doch deren Positionen zutreffend wieder. Damit widersteht er der Versuchung, diese zu karikieren. Damit wird er zu einer hilfreichen Erkenntnisquelle für diejenigen, für die alles, was mit dem Stichwort „Gender“ zu tun hat, Neuland ist, die aber bereit sind, dazuzulernen. Jedenfalls gilt dies auch für den Rezensenten, der vor fast dreißig Jahren zum ersten Mal mit Gender-Studies in Berührung gekommen ist.

                Ralf Klein SJ

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Rutishauser, Christian M. / Schmitz, Barbara / Woppowa, Jan (Hgg.)

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