Ullrich, Volker: Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik.
München: C.H. Beck 2024. 383 S. Gb. 26,–.
Der Historiker und Publizist Volker Ullrich zeigt in elf Kapiteln nicht nur den Weg auf, wie die Weimarer Republik in das Dritte Reich mündete. Vielmehr durchzieht der Gedanke seine Kapitel, dass die Hypotheken, mit denen die erste deutsche Demokratie startete, z.B. die Reparationszahlungen oder die Übernahme der alten Eliten, zwar belastend waren, aber nicht zwangsläufig in eine Diktatur führen mussten. So gab es anfangs eine große Zustimmung in der Bevölkerung für die Weimarer Koalition (SPD, Zentrum und DDP), waren die Radikalen in den Arbeiter- und Soldatenräten deutlich in der Minderheit. Es gab Politiker wie Gustav Stresemann, der seine rechtsliberale und republikkritische DVP dahin führte, die Republik vorübergehend mitzutragen. Ebenso gab es Alternativen zu Hindenburg bei der Reichspräsidentenwahl 1925. Interessant und nicht ohne aktuellen Bezug gewählt sind Ullrichs Ausführungen zu Thüringen Anfang der 1930er-Jahre. Das Land und seine Bevölkerung, die noch 1923 kurzfristig von einer Einheitsfrontregierung aus SPD und KPD geführt worden war, ermöglichte sechs Jahre später die erste Beteiligung eines NSDAP-Mitglieds an der Regierung. Als Innenminister und Minister für Volksbildung baute Frick, der 1933 als Reichsinnenminister und als einer der wenigen Nationalsozialisten im Präsidialkabinett Hitler saß, den Beamtenapparat um und nahm Einfluss auf die Unterrichtsinhalte sowie auf die Kultur in Thüringen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie und „Rasselehre“. So lautete ein Erlass aus dem Jahr 1930: „Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum“. Ullrich zeigt nicht ohne Seitenblick auf die aktuelle innenpolitische Situation, in wie kurzer Zeit (1930/31) radikale und zu allem entschlossene Politiker ihre politische Macht nutzen können, um ein Land umzugestalten und zu formatieren.
Insgesamt ist das Buch von Volker Ullrich eine gut lesbare und spannende Lektüre. Zudem leitet der Autor alle geschichtlich Interessierten gut durch eine Epoche, die aufgrund der vielen Ereignisse – allein schon wegen der vielen Regierungswechsel – schnell an Übersichtlichkeit zu verlieren droht. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle in unserer Zivilgesellschaft, die wir Mitverantwortung für diese Demokratie haben.
Gundolf Kraemer SJ
Koslowski, Jutta: Wer war Klaus Bonhoeffer? Annäherungen an einen unbekannten Widerstandskämpfer.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2023. 638 S. Gb. 44,–.
„Nun, wo die Brüder Klaus und Dietrich Bonhoeffer den Preis für ihren Mut bezahlen mussten, scheint es fast so, als würde einer für den anderen sein Leben einsetzen – trotz aller Unterschiedlichkeit und gelegentlichen Spannungen, die es zwischen ihnen gab. Dietrich verzichtete auf seinen Fluchtplan, weil Klaus kurz zuvor verhaftet worden war, und Klaus entzog sich dieser Verhaftung nicht, um seinen Bruder im Gefängnis vor weiteren Repressionen zu bewahren. Am Ende hat ihre Standhaftigkeit beide das Leben gekostet, denn in den letzten Tagen des Hitlerregimes, als die Alliierten schon weit auf deutschem Boden standen, wurden sie hingerichtet“ (241). Die Autorin, evangelische Pfarrerin und Mitglied der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, widmet sich im Vorwort ausführlicher der Beziehung zwischen den beiden Brüdern Klaus und Dietrich (vgl. 15 ff.), nicht zuletzt deswegen, weil der ältere Bruder Klaus in der Rezeptionsgeschichte des Widerstandes im Schatten seines jüngeren Bruders steht, ein Schatten, der verdeckt, „wie klug und mutig auch sein Bruder Klaus und dessen Ehefrau Emmi gegen die NS-Diktatur kämpften“, so der Klaus-Bonhoeffer-Biograf Johann Hinrich Claussen. Klaus war Rechtsanwalt und kam zur Lufthansa, wo er nach einiger Zeit zum Chef-Syndikus aufstieg. Er gehörte zu denjenigen, die von Beginn an den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes durchschauten. Aus seiner Schulzeit stammten die Freundschaften mit Justus Delbrück, Hans von Dohnanyi, Rüdiger Schleicher und anderen. Sie bildeten mehr und mehr den aktiven Kern eines breiten Netzwerkes, dessen Ziel nach der Beseitigung des NS-Regimes die Wiederherstellung des Rechts und eine neue Ordnung für Europa war.
Jutta Koslowski legt eine Monografie vor, die wegen ihrer Ausführlichkeit und ihres Detailreichtums ihrerseits die Grundlage für ein Buch sein könnte, das noch geschrieben werden müsste. In Teil I werden die wichtigsten Stationen des Lebens von Klaus Bonhoeffer nachgezeichnet. Teil II versucht, den Charakter mithilfe von Stimmen aus dem Umfeld zu ergründen. In Teil III werden Gespräche dokumentiert, die die Autorin mit den drei inzwischen hochbetagten Kindern von Klaus und Emmi geführt hat: der schwierigste Teil des Buches, weil sich nicht immer ganz erschließt, inwiefern diverse, zum Teil sehr private Details aus dem Leben der interviewten Personen dem besseren Verständnis von Wirken und Charakter Klaus Bonhoeffers dienen. In Teil IV sind die wenigen Texte, die Klaus Bonhoeffer hinterlassen hat, dokumentiert. Im Anhang werden unterschiedlichste Zeugnisse und Schriften über Klaus Bonhoeffer wiedergegeben, z.B. auch die Anklageschrift vor dem Volksgerichtshof. Der Autorin ist klar, dass es sich dabei um „Täter-Material“ handelt, „dessen Wahrheitswert grundsätzlich infrage zu stellen ist und das der kritischen Analyse bedarf“ (257). Das bedeutet aber wiederum nicht, dass alle Daten, Namen und Zusammenhänge daraus falsch sein müssen. Für eine kritische Lektüre gerade auch solcher Texte sind die Anmerkungen der Autorin hilfreich.
Über die Verhandlungen von Klaus Bonhoeffer vor dem Volksgerichtshof (am 2. Februar 1945) liegen keine Quellen vor. Das veranlasst die Autorin, mit Rückgriff auf Quellen aus anderen Verhandlungen eine breiteres Bild zu zeichnen. Gelegentlich schleichen sich auch Wertungen ein, die der Rez. gerne genauer diskutieren würde, etwa wenn es über Moltke heißt: „Tatsächlich ist es so, dass Moltke … eine eigentümliche Art von Hochachtung für Freisler entwickelte, weil er als einziger imstande schien, den Verhandlungsgegenstand zu durchschauen“ (265). Moltke schrieb ja bekanntlich über Freisler: „Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der einzige, der weiß, weswegen er mich umbringen muss“ (zitiert nach 266). Ein solcher Satz aus dem Munde Moltkes kann nach Meinung des Rez. allerdings nur angemessen gewürdigt werden, wenn man den Gesamtzusammenhang des Prozesses gegen Moltke und Delp am 10. Januar 1945 in den Blick nimmt, nicht in einer Nebenbemerkung. Eines ist aber nach der in Teilen kursorischen Lektüre der Monografie deutlich: Es lohnt sich außerordentlich, genauer auf Klaus Bonhoeffer zu schauen.
Klaus Mertes SJ