Blick in die Vergangenheit Delbrücks weitet sich
Das Grabungsteam unter der Leitung von Sven Knippschild begleitet die Erweiterung des Wohngebietes an der Schafbreite. Gingen die Forschenden bei Entdeckung des östlichen Randes der Siedlung aus dem 2. bis 3. Jahrhunderts vor acht Jahren noch von einer einzelnen Hofstelle aus, zeigte sich bereits im Winter 2024, dass hier mehr los gewesen sein muss. Das bestätigt sich auch bei den laufenden Ausgrabungen. "Entlang der Lippe gibt es zahlreiche Fundstellen, die auf mehrere Siedlungen der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt hinweisen", weiß Dr. Sven Spiong von der LWL-Archäologie in Bielefeld. Die Ausgrabung ermögliche es nun erstmals, die Überreste einer dieser Siedlungen flächig freizulegen, so der Archäologe.
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Was im Zuge der laufenden Arbeiten ans Licht kommt, bietet für die Forschenden neue Ansätze: Münzen und Keramikscherben datieren die östliche Hofstelle sicher ins 2. und 3. Jahrhundert nach Christus. Auch über die Gebäude des Hofes gibt es konkrete Erkenntnisse: "Im Zentrum des Hofes stand das Wohnhaus, von dem noch zahlreiche ehemalige Pfostenlöcher dunkel verfärbt im Boden erkennbar sind. Jeweils am nördlichen und südlichen Rand des Hofes hatten die Bewohner ein im Boden eingetieftes kleines Nebengebäude errichtet, in dem wahrscheinlich Textilen gewebt wurden", so Grabungsleiter Knippschild.
Ein Brunnen, den die Hofbewohner nur weniger als zwei Meter graben mussten, um unter den Grundwasserspiegel zu gelangen, sorgte im Hof für Frischwasser. Verfärbungen im Boden zeugen davon, dass dieser ursprünglich mit Holz ausgekleidet gewesen sein muss.
Ein südwestlich gelegener Hof wird derzeit vollständig untersucht. Hier zeigen sich in unmittelbarer Nähe zu einem Wohnhaus die Überreste eines Ofens: Neben der Herstellung von Textilien wurde in der Siedlung offenbar auch Bronze zu Schmuckstücken verarbeitet. Das belegen Bruchstücke der gebrannten Ofenwand aus verziegeltem Lehm und Reste von Buntmetall.
Wie bereits bei der vorherigen Grabungskampagne im Winter 2024 kamen auch Münzen aus dem Erdreich. Diese Münzen werden nach ihrer Restaurierung in Zusammenschau mit der entdeckten Keramik eine gute Grundlage für die genaue Datierung der Höfe ermöglichen. "Dann klärt sich vielleicht unsere Frage, ob die Höfe gleichzeitig bestanden, oder ob es sich möglicherweise um einen Hof handelte, dessen Standort sich nach einiger Zeit zweimal verlagerte. Die Holzbauweise der Siedler dieser Zeit machte es häufig nötig, ein morsch gewordenes Gebäude aufzugeben und in unmittelbarer Nähe einen Neubau zu errichten," erklärt Spiong.
Göttlicher Schmuck und Messer unterm Keller
Diese kleine Gemme mit dem Gott Merkur war ursprünglich in einer prunkvollen Fassung an einem Fingerring befestigt.
LWL/A. Madziala
Ein besonders kostbares Kleinod stellt ein nur knapp 1,5 Zentimeter großer Schmuckstein, eine sogenannte Gemme dar. In einer Vertiefung ist der römische Gott Merkur dargestellt. Die typischen Kennzeichnen dieses Gottes des Handels und des Verkehrs sind ein Geldbeutel in der einen und ein Heroldstab in der anderen Hand sowie ein Helm. Ursprünglich war die Gemme eingefasst und wahrscheinlich an einem Fingerring befestigt, vermuten die Fachleute.
Ein knapp 20 cm langes Messer mit eingelegten Messingstreifen war unter dem Fußboden eines kleinen Nebengebäudes vergraben.
LWL/A. Madziala
Noch unklar ist den Ausgräbern ein Fund unter dem Boden eines kellerartigen Nebengebäudes, das sich auf dem westlichen Teil der Fläche fand, wo zwei weitere Hofstellen dokumentiert werden konnten: "Hier hatte jemand ein vollkommen intaktes Messer mit der Schneide nach oben vergraben. Es lag allerdings so tief, dass es niemanden verletzen konnte", so LWL-Archäologe Spiong. War es ein Versteckfund oder sollte es möglicherweise Unheil abwehren und diente einem kultischen Zweck, ähnlich einem Bauopfer? Das eiserne Messer mit den Messingstreifen als Zierde hatte zuvor einen weiten Weg hinter sich, soviel können die Experten bereits erkennen: es stammt sehr wahrscheinlich aus dem Römischen Reich.
Eine dritte Hofstelle liegt am westlichen Rand der geplanten Baugebietserweiterung und wurde daher bei der Ausgrabung nur teilweise erfasst. Die Oberflächenfunde zeigen, dass sich die Siedlung westlich über das geplante Baugebiet hinaus erstreckte. Die Höfe waren somit auch zwei Jahrhunderte nach dem Abzug der Römer aus ihrem Lager bei Anreppen in ein komplexes, großflächiges Siedlungsareal an der Lippe eingebunden.
Meldung LWL