«Grabgöttinnen» aus KyrenePuppen für Bestattungen und Rituale

Kyrene war eine monumentale antike griechische Stadt im heutigen Libyen, die im 8. Jh. v. Chr. gegründet wurde. Bei jüngsten Grabungen kamen Puppen ans Licht, die aus griechischen und römischen Bestattungskontexten sowie Heiligtümern stammen. Es waren bereits Terrakotta-Gliederpuppen aus Kyrene bekannt, die sich jedoch meist ohne Kontext in musealen Sammlungen befinden.

Griechische Terrakotta-Gliederpuppe aus Kyrene, die im Louvre aufbewahrt wird.
Abb. 1 Griechische Terrakotta-Gliederpuppe aus Kyrene, die im Louvre aufbewahrt wird.© nach Mollard-Besques 1954/1992, n.218

Die in Kyrene entdeckten Puppen befinden sich hauptsächlich in Museumssammlungen, ohne dass ihr ursprünglicher Kontext bekannt ist. Eines dieser Beispiele ist eine griechische Terrakotta-Gliederpuppe aus dem 4. Jh. v. Chr., die im Louvre aufbewahrt wird und in einer Form hergestellt wurde (Abb. 1). Sie ist völlig nackt, bis zu den Knien dargestellt und verfügt über Schultergelenke. Es ist schwer zu sagen, ob an den Knien ebenfalls zwei bewegliche Beine befestigt waren. Wahrscheinlich war sie an den Knien abgeschnitten, wie es bei griechischen Puppen weit verbreitet ist.

Links oben: Bein einer Elfenbeinpuppe aus dem Heiligtum der Demeter und Kore in Kyrene; oben: der Demeter-Tempel; mittig: die terrassenförmigen Heiligtümer oder Lagerstätten; unten: das Felsentheater.
Abb. 2 Links oben: Bein einer Elfenbeinpuppe aus dem Heiligtum der Demeter und Kore in Kyrene; oben: der Demeter-Tempel; mittig: die terrassenförmigen Heiligtümer oder Lagerstätten; unten: das Felsentheater. nach Warden 1992, S. 50–58, z. T. Abb. 18

Es handelt sich um ein recht junges Mädchen: Die Frisur zeigt einen Mittelscheitel sowie einen Dutt am Hinterkopf; zwei aufgerollte Haarsträhnen rahmen die Stirn ein. Auf dem Kopf ist ein starrer polos erkennbar; der (mit einer Schnur oder ähnlichem) auch zum Aufhängen der Puppe diente. Das Gesicht ist zart, mit deutlich sichtbaren Augenbrauen, mandelförmigen Augen, gerader Nase und kleinem Mund mit abgerundeten und ausgeprägten Lippen. Mittig auf der Brust sind noch Reste eines hervorstehenden Anhängers erkennbar, dessen Form und Verzierungen sich allerdings nicht deuten lassen. Die Haltung der leicht angewinkelten beweglichen Arme erinnert an die Darbringung einer Opfergabe. Die Hände fassen einige Attribute, möglicherweise Votivgaben oder Musikinstrumente wie antike Zimbeln (crotales) oder Kastagnetten, die in der rechten Hand vollständig und in der linken Hand abgebrochen erscheinen.

Geweihte Puppen in Heiligtümern

Beim zweiten Beispiel handelt es sich um ein Bein, das zu einer Elfenbeinpuppe gehört. Geborgen wurde es in einem Votivdepot des Heiligtums der Demeter und Kore in Kyrene (Abb. 2). Das Fragment lässt keine genaue Datierung zu und weist auch keine spezifischen Parallelen auf, sodass der Fund sich nur allgemein in die römische Zeit einordnen lässt. Bein und Fuß wurden sehr schlicht und schematisch ausgeführt, was auf eine frühere Datierung hinweisen könnte. Zudem scheinen die übrigen Funde, die zusammen mit diesem Elfenbeinfragment bearbeitet wurden, alle aus der Zeit zwischen dem 4. und 2. Jh. v. Chr. zu stammen. Puppen in Heiligtümern der Demeter bzw. der Demeter und Kore zu weihen, war recht verbreitet. Dies geschah unter anderem während den Ritualen der Proteleia, bei denen junge Mädchen beim Eintritt ins Erwachsenenalter oder vor allem vor ihrer Hochzeit Puppen als Votivgaben weihten. Ähnliche Opfergaben sind z. B. im Heiligtum der Demeter und Kore in Korinth bezeugt, wo Hunderte von Puppen aus diesem Grund geweiht wurden, aber auch in der Siedlung und im Persephoneion von Locri Epizefiri.

Komplexe Bedeutung

Unter den Puppen (oder vergleichbaren Figuren) aus Kyrene sind derzeit drei Exemplare bekannt, die sowohl wegen ihres Kontexts als auch ihrer vielschichtigen Symbolik äußerst interessant erscheinen. Die ersten beiden sind Teil zweier Marmorstatuen, die kyrenäische Grabgöttinnen darstellen und kürzlich aus dem illegalen Kunsthandel gerettet wurden. Sie datieren in das 3. und 2. Jh. v. Chr. und stammen offensichtlich aus Bestattungskontexten, denn solche standardisierten Grabgöttinnen als semata – figürlich dekorierte Grabmarkierungen – sind in der monumentalen und riesigen Felsnekropole seit der archaischen Periode gut bekannt. Somit gilt ihre Zugehörigkeit zu den dortigen Grabkontexten als gesichert.

Die kyrenäische Grabgöttin D185 aus dem 2. Jh. v. Chr.
Abb. 3 Die kyrenäische Grabgöttin D185 aus dem 2. Jh. v. Chr. Archiv der Archäologischen Mission der Universität Chieti

Beide Statuen halten jeweils eine kleine Figur in den Händen, die in einem Fall (Abb. 3) als eine Art Marionette mit Anhänger gedeutet werden könnte und im zweiten Fall (Abb. 4) eine nackte weibliche Figur darstellt. Solche Puppen könnten wahrscheinlich Mädchen oder jungen Frauen gehören, die als Kinder oder in der Pubertät verstorben sind. Diese Art von Statuen der kyrenäischen Totengöttinnen sind spezifisch für die Region und vor allem für Kyrene selbst und stellten keine tote Person dar, sondern weibliche Psychopomp-Gottheiten (Persephone und Demeter gleichgestellt). Sie dienten als semata auf Gräbern sowohl für Frauen und Männer als auch für Erwachsene und Kinder. Die Statuen repräsentieren daher niemals die Verstorbenen – im Gegenteil, ihre Attribute sind wahrscheinlich eng mit den Toten verbunden, indem sie eine Art ikonografisch-metonymische Funktion erfüllen.

Ein im Internet veröffentlichtes Video, in dem Plünderer die kyrenäische Grabgöttin D78 aus dem 3. Jh. v. Chr. zeigen.
Abb. 4 Ein im Internet veröffentlichtes Video, in dem Plünderer die kyrenäische Grabgöttin D78 aus dem 3. Jh. v. Chr. zeigen. Archiv der Archäologischen Mission der Universität Chieti

Puppen zur Kennzeichnung von Kinder- oder Mädchenbestattungen sind weithin bezeugt, und es ist sicherlich denkbar, dass ihre Attribute mehrere Interpretationsmöglichkeiten zulassen. Die Botschaft, dass es sich um das Grab eines Mädchens, eines Kindes oder einer jungen Frau handelte, war direkt und eindeutig. Die psychopompöse Natur dieser kyrenäischen Gottheiten könnte jedoch auch auf den Anodos, den Aufstieg, der Seele des toten Mädchens hinweisen, während sie von der Göttin ins Jenseits transportiert wird. In beiden Fällen gibt es eine offensichtliche, recht häufige Identifikation von Puppe und Besitzerin. Die unterschiedlichen Darstellungen der Objekte in den Händen der beiden kyrenäischen Statuen könnten auf verschiedene rituelle und symbolische Kontexte hindeuten, in denen diese Puppen bzw. Figuren verwendet wurden.

Die ältere der beiden ist eine nackte, stehende Puppe mit zarten, verlängerten Beinen und Armen, wie sie für hellenistische Darstellungen der Aphrodite in Kyrene typisch ist (vgl. Abb. 4). Sie könnte durchaus rituelle Funktionen erfüllt haben und zu einem jungen Mädchen oder einer Frau gehören, die sich dieser Göttin widmeten. Die jüngere Figur stellt einen anderen Typus dar (vgl. Abb. 3): Es handelt sich um eine Puppe, die an einem starren Ring hängt und einen weiten Chiton trägt, der nicht statisch die Beine umgibt, sondern eine Glocke bildet und sich sanft wie beim Tanz bewegt. Die Bedeutung von Hängepuppen bei Hochzeitsritualen oder Votivtänzen junger Mädchen im Rahmen von Ritualen für Artemis oder Demeter und Persephone wurde weithin diskutiert. Bei unserem Beispiel könnte es sich um das Symbolisieren ritueller Tänze handeln, und die mit dem Chiton bekleidete Figur könnte aufgrund ihrer Ikonografie auf Persephone oder Artemis hindeuten.

Gliederpuppe eines Soldaten

Die dritte außergewöhnliche Puppendarstellung aus Kyrene zeigt eine männliche Figur (Abb. 5). Bei dieser Gliederpuppe handelt es sich wahrscheinlich um einen kleinen Soldaten. Er ist auf einem sehr niedrigen Relief auf dem Deckel eines Sarkophags mit zahlreichen anderen Kinderspielzeugen und Gegenständen abgebildet. Das Objekt wurde im sog. Grab C in Ain Hofra, dem Grab der Skulpturen, gefunden, einem gut erhaltenen und großen «Tempelgrab» aus dem 2. Jh. n. Chr., das reich mit Marmor, Malereien und Statuen ausgestattet ist. Auf dem Deckel ist ein Mädchen auf einer Kline dargestellt, das auf einer Matratze mit reich geschnitzten Metopen auf der vorderen Längsseite liegt. Die erste Metope zeigt einen Vogel, möglicherweise ein mithraisches oder isaisches Symbol. In der zweiten Metope befinden sich vier Gegenstände: ein crepitaculum (eine Rassel), die erwähnte Gliederpuppe sowie eine Maske und ein Korb. Die dritte Metope wird vollständig von einem Spielzeugpferd eingenommen. Die vierte Metope schließlich könnte sich auf die Pietas beziehen, die durch das refrigerium – eine Gedenkmahlzeit für die Verstorbenen, eingenommen auf einem Friedhof – dargestellt wird.

Deckel des «Kindersarkophags» von Ain Hofra, aufbewahrt im neuen Lagerraum des Museums von Kyrene (Shahat, Libyen).
Abb. 5 Deckel des «Kindersarkophags» von Ain Hofra, aufbewahrt im neuen Lagerraum des Museums von Kyrene (Shahat, Libyen). Archiv der Archäologischen Mission der Universität Chieti

Bei der Puppe mit beweglichen Armen in der zweiten Metope handelt es sich eindeutig um einen Soldaten. Die Silhouette des Kopfes hat die Form eines Kavalleriehelms aus dem späten 2./3. Jh. n. Chr. Der röhrenförmige Rumpf und die Zeichen an den Schultern scheinen auf einen Kürass hinzuweisen. Der untere Teil des Körpers könnte Beine darstellen, die in der Seitenansicht gezeigt werden oder zu einem einzigen Schaft bzw. Griff verschmolzen sind. Diese Elemente scheinen sich auf die Lebenswelt eines männlichen Kindes zu beziehen, während die Figur auf dem Deckel weiblich ist. Somit könnten die Darstellungen auf eine Doppelbestattung hindeuten, bei der ein Mädchen und ein Junge in demselben Sarkophag beigesetzt wurden.

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