BildungsdokumentationDie höchsten Gebäude der Welt

Kinder haben Ideen, auf die Erwachsene niemals kommen würden. Da bekommen Häuser sogar einen Hut aufgesetzt. Darüber erzählen sprechende Wände.

Zwei Kinder baue mit Magnetbausteinen einen hohen Turm.
© Maria Sieberer-Semo

Im Baubereich des Gruppenraumes entstehen interessante und hohe Bauwerke. Vier Jungen bauen mit Magnetbausteinen. Noch bevor ich ein Foto machen kann, fällt das Gebäude in sich zusammen. Die Jungen sind weder enttäuscht noch verärgert, sie scheinen schon Erfahrung mit diesem Baumaterial zu haben. Meine Frage, ob sie schon einmal von den höchsten Gebäuden der Welt gehört oder Fotos davon gesehen haben, verneinen sie.
Ich zeige den Kindern Fotos von Wolkenkratzern wie dem Burj Khalifa in Dubai, dem Merdeka 118 in Kuala Lumpur und dem Shanghai Tower. „Hat Österreich auch einen hohen Turm?“, fragt Fabian. Ich zeige ihnen das höchste Gebäude Österreichs, den DC Tower in Wien. Den Donauturm kennen die Kinder, aber den Donau City Tower haben sie noch nicht gesehen. Tarik, Xaver, Vincent und Fabian sind sehr interessiert und wollen so hohe Gebäude malen. Dafür brauchen sie mehr als ein DIN-A4-großes Blatt.

Tarik: „Ich mache zwei Lifte und die sind ganz schnell. So schnell wie ein Blitz.“
Vincent: „Ich habe ein Fallhaus gemacht, mit Falltüren. Wenn man reingeht, ist die Falle schon da.“
Xaver: „Ich mache eine Notrutsche.“
Fabian: „Ich habe 17 Fenster.“
Tarik: „Ich habe 13 Fenster. Ich mache zweimal 13. Ich mache auch eine Nottür. Man muss sich nur davorstellen, dann geht sie auf.“
Xaver: „Ich habe die Idee mit der Notrutsche gehabt.“
Fabian: „Ich male einen Notaufzug, den darf man auch bei Feuer benutzen.“
Tarik: „Da kommt ein Schutz runter, damit das Feuer nicht auf die Menschen kommt.“
Xaver: „Ich mache ein Wasserfenster, wenn es brennt, dann kann man da duschen.“
Tarik: „Mein Hochhaus hat eine elektrische Leiter. Man muss nur auf den Knopf drücken, dann wird man hinuntergelassen.“
Xaver: „Ganz oben habe ich so etwas wie Augen gemalt, aber die sind nicht echt. Es sind Überwachungskameras.“
Tarik: „Warum bauen die so hohe Häuser?“
Fabian: „Dass mehr Menschen darin leben können.“
Xaver: „Na, weil sie eine gute Aussicht haben.“

Mädchen planen und bauen anders

Die Mädchen machen sich ganz andere Gedanken über ihre Häuser. Zum Beispiel haben alle auf A4- Papier gezeichnet, obwohl die A5-Blätter direkt danebenlagen. Keines der Mädchen hat ein zusätzliches Blatt Papier dazugeklebt, wie es die Jungen gemacht haben. Auch die Überlegungen zur Ausstattung und Besonderheiten der Häuser sind unterschiedlich:

Rufaida: „Mein Haus braucht Flügel und auch Herzen und Sterne, damit es fliegen kann.“
Cara: „Ja, dass man ins Weltall fliegen kann.“
Emma: „Einen Hut soll ein Haus haben, damit die Sonne nicht so heiß hineinkommt.“
Rufaida: „Und auch Ohren, damit es die Flugzeuge hört und nicht zusammenstößt.“
Cara: „Ich habe ein Rosenhaus mit Gold. Da haben einige nach Schätzen gesucht und dann in das Haus getan. Die Rosen passen auf, dass niemand reinkommt. Die sind nämlich giftig. Die Tür ist einfach ganz aus Gold und ist aufgegangen.“
Rufaida: „Mein Haus braucht auch ein Horn. Dann kann es schwimmen und mit dem Horn kann es lenken. In meinem Haus kann man schwimmen.“
Mimi: „So ein lustiges Haus. In meinem Haus wohnen hundert Millionen Menschen, das ist so ein Riesenhaus.“
Cara: „Mein Haus braucht tausend Millionen Fenster. Die Bauarbeiter müssen sie putzen. Meines kann sich zum Weltall zaubern und wieder zurück.“
Essya: „Von meinem Haus kann man zum Regenbogen schauen.“
Cara: „Meine Menschen haben bei ihrem Haus bunte Türen.“
Emma: „Die küssen sich im Lift und ein anderer Mensch fotografiert sie.“
Mimi: „Weißt du, was mein Haus besonderes kann? Es kann Wolken zaubern. Die sind aus Zuckerwatte und die Menschen können die essen. Weißt du, wie die Menschen die Zuckerwattewolken essen können? Sie haben Flügel und fliegen rauf, setzen sich auf die Wolke und essen sie auf. Die Wolken werden vom Haus gehalten.“

Die Kinder sprudeln über vor Ideen. Was für uns Erwachsene absurd klingt, ist für die Kinder real. Es macht ihnen sichtlich Spaß, mir von ihren skurrilen Häusern zu erzählen.

Unsere Wanddokumentation

Das Thema „Hohe Häuser“ dokumentieren wir auf großen Wandtafeln im Flur. Durch Fotos, Aussagen und Zeichnungen erinnern sich die Kinder an ihre Denk- und Spielprozesse. Sie haben jederzeit Zugang zu den Schautafeln und nehmen andere Kinder mit, um ihnen zu zeigen und mit ihnen zu diskutieren, was dort zu sehen ist. Sie holen sich Erwachsene, um sich vorlesen zu lassen. Meistens erkennen sie schon selbst die Vornamen, die vor den Texten stehen. Jedes Kind kann bei der Gestaltung mitmachen.
Für die Eltern ist es ein Einblick in den pädagogischen Alltag. Sie schätzen diese Form, und für uns als Fachkräfte ist es eine Möglichkeit, den Fokus der Eltern vom Produkt auf den Prozess zu lenken. Die Transparenz dieser Art der Dokumentation zeigt den Familien, wie kindliche Entwicklung und Bildung durch die Bildungsform „Spiel“ zusammenhängen.

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