MultiprofessionaliätDie Mischung macht's

Wie multiprofessionelle Zusammenarbeit die Möglichkeiten für Kinder und Team erweitert, davon berichten unserer Autorin drei Kitas in Hessen und Rheinland-Pfalz. Profilergänzende Fachkräfte und Quereinsteigende bringen dort Lebenserfahrung und neuen Input ein.

Eine bunte Zeichnung mit einem Boot mit fünf paddelnden Personen, am Ufer jubelnde Menschen.
© Muriel Frega/ GettyImages

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden und beschleunigten Veränderungsprozess. Dies erfordert eine ständige Anpassung an neue Wirklichkeiten in allen Lebensbereichen. In dieser Dynamik verändern und erweitern sich die Bedürfnisse der Kinder und Familien und damit auch die Aufgabenvielfalt der Kita. Kinder brauchen ein Team unterschiedlich kompetenter Erwachsener, die ihnen die Welt in die Kita bringen, die ihnen eine empathische, sichere und vielfältig inspirierende Umgebung schaffen. Diese gestiegenen und sehr unterschiedlichen Anforderungen sollten und können nicht von einer Berufsgruppe allein bewältigt werden.
Die qualitätsvolle Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräften und anders qualifizierten Fachkräften ist kein Selbstläufer. Sie erfordert die Erarbeitung von Visionen und eine umfassende Auseinandersetzung mit dem bestehenden Bildungs- und Betreuungskonzept, der kindlichen Entwicklung und dem eigenen Verständnis von Kita. Die Skepsis im Arbeitsfeld Kita gegenüber einer Öffnung des Fachkräftekatalogs für nicht einschlägig qualifizierte Fachkräfte ist groß. Und ja, es gibt viele Stolpersteine auf diesem Weg. Aber es gibt auch Kitas, die die Steine beiseiteräumen oder an ihnen vorbeigehen. Mit dem KTK-Bistum-Limburg-Kita-Preis haben wir uns 2024 auf die Suche nach diesen Kitas gemacht und wollten wissen, wie es ihnen gelingt, die Verantwortung des Teams mit unterschiedlichen Professionen gemeinsam und zum Wohle der Kinder zu tragen.

Perspektiven aus der Praxis

Aus den Gesprächen, die wir in den drei Preisträger-Kitas führten, und den Beobachtungen bei den Vor-Ort-Besuchen lassen sich sieben grundlegende Faktoren für eine gelingende multiprofessionelle Zusammenarbeit ableiten:

  • Anerkennung: Eine offene Haltung des Teams und der Leitung gegenüber unterschiedlichen beruflichen Hintergründen als Erweiterung des Bildungsangebots bildet die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Das Team profitiert, wenn die Mitglieder ihre jeweiligen Kompetenzen zeigen und einbringen können und diese von anderen als gleichwertig anerkannt werden.
  • Wertschätzung: Die positive Veränderung der Teamstruktur basiert sowohl auf der Wertschätzung der jahrzehntelangen Leistung der Erzieher:innen als auch auf der Wertschätzung für das Potenzial der neu eingebrachten Fähigkeiten und Fertigkeiten von nicht einschlägig qualifizierten Fachkräften.
  • Aufgabenverteilung: Multiprofessionalität bedeutet nicht, dass alle alles machen (dies ist auch bei einem homogenen qualifizierten Team nicht empfehlenswert). Vielmehr geht es darum, die Stärken der Teammitglieder unabhängig von ihrem beruflichen Abschluss gezielt einzusetzen.
  • Fort- und Weiterbildung: Coaching durch externe Begleitung unterstützt das Team in zentralen Entwicklungsprozessen wie der Rollenfindung oder dem Entdecken der neuen Teamkultur und -identität. Nicht einschlägig qualifizierte Fachkräfte benötigen eine pädagogische Basisqualifizierung und den fachlichen Austausch mit pädagogischen Fachkräften. Dieser kontinuierliche Dialog ermöglicht wechselseitige Lernerfahrung und berufliche Selbstvergewisserung.
  • Leitung: Um ein multiprofessionelles Team aufbauen, moderieren und die Entwicklungsprozesse sensibel begleiten zu können, braucht es eine professionalisierte Leitung mit zeitlichen Ressourcen (Leitung leitet).
  • Kompetenzorientierung: Unabhängig von Abschluss und Qualifikation steht vor jeder Neueinstellung die Frage, welche Kompetenzen neues Personal mitbringen sollte. Welche Fertigkeiten fehlen zurzeit im Team? Welche Bedarfe der Kinder und Familien bleiben bislang unbeantwortet?
  • Passung: Unabhängig von der Profession und den methodischen oder fachlichen Fähigkeiten hospitieren Bewerber:innen vor einer möglichen Einstellung, sodass eine grundlegende persönliche und konzeptionelle Passung erfahrbar wird.

Fazit

Der KTK-Kita-Preis-Limburg (siehe auch Filmtipp) hat gezeigt, wie viel Potenzial in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen steckt. Multiprofessionalität erweitert das Profi l des Teams um zahlreiche Perspektiven und Kompetenzen. Die Kita kann dadurch flexibel und innovativ auf die kontinuierlichen Veränderungsprozesse und Anpassungserfordernisse in ihrem System reagieren.

Stimmen aus Kitas1

Heike Sparr-Kugelstadt
ist profilergänzende Fachkraft in der Kita „St. Rabanus Maurus“, Oestrich-Winkel, im Erstberuf Schauwerbegestalterin.

„Quereinsteiger:innen fangen nicht bei null an“

Ich habe mir etwas zugetraut, die Kolleg:innen haben mir etwas zugetraut. Das war von Anfang an positiv. Ich glaube nicht, dass ich in der Einarbeitungsphase eine Belastung war. Wenn die Neuen die Chance bekommen, so wie das bei mir war, auszuprobieren, was ich mitbringe, und nicht nur das nachzumachen, was die Kollegin/der Kollege macht, dann ist das immer ein Gewinn für alle. Wir Quereinsteiger:innen haben alle was gelernt. Wir fangen ja nicht bei null an. So, wie ich damals angefangen habe, war das ein großer Unterschied zwischen mir und den Pädagog:innen. Ich war mit meinem Gehalt ganz unten angesiedelt. Deshalb habe ich oft überlegt, ob ich wieder in meinen alten Beruf zurückgehen soll. Ich habe zwar für den Kindergarten gebrannt, aber von der Bezahlung war es nicht ansatzweise so. Ich denke, wenn man das mit der Fortbildung, die ich genossen habe, ausgleichen und direkt ein anständiges Gehalt bekommen kann, dann ist ein Kindergarten sehr attraktiv. Wir Quereinsteiger:innen bringen eine Berufsausbildung mit, haben viel Erfahrung, und das sollte angerechnet und gleichgesetzt werden. Das kann anfangs zu Unmut im Team führen, aber niemand bekommt weniger, wenn ein anderer angemessen bezahlt wird. Mein Tipp für Multiprofessionalität in der Kita: vom Team und dem Neuzugang eine positive Bereitschaft, Sachen anzunehmen, off en zu sein, wirklich sich und anderen eine Chance geben, sich kennenzulernen und als Bereicherung zu sehen.

 

Stephanie Lempka
ist Erzieherin in der Kita „St. Barbara“, Lahnstein.

„Die Chancen liegen in der Vielfalt“

Am Anfang achte ich darauf, bleibt eine Kollegin oder ein Kollege einfach stehen oder geht sie oder er auf Augenhöhe in die Hocke mit Kindern. Welche Worte benutzt die/der zukünftige neue Kolleg:in? Wie sind sie formuliert? Sind es knappe Fragen oder lange Sätze, sind es altersentsprechende Sätze, ist der Eindruck sympathisch? Aber auch, dass sie hinterfragen, ist wichtig, nicht einfach drauflosarbeiten. Fragen sie: „Wie macht ihr das?“ „Wie ist der Alltag generell strukturiert?“ „Welche Projekte macht ihr?“ So kann sich ein engagiertes Miteinander entwickeln. Die Einarbeitung neuer Kolleg:innen ist herausfordernd, aber auch schön. Die Chancen liegen ganz klar in der Vielfalt. Natürlich kann eine profilergänzende Fachkraft durch die entsprechende Fortbildung, durch die Unterstützung des Leitungsteams qualitativ gut erziehen, betreuen, bilden. Als Wunsch habe ich, dass ein Mann unser Team ergänzt, jemand aus dem Fitnessbereich, das wäre cool, oder aus dem ökologischen Bereich wie Recycling.

 

Jenny Weinand
ist Erzieherin, stellvertretende Leiterin in der Kita „St. Barbara“, Lahnstein, und im Erstberuf Medizinische Fachangestellte.

„Neue Perspektiven und Impulse bringen die Kita weiter“

Ich bin sehr offen aufgenommen worden. Mir wurde gesagt, dass die neuen Perspektiven und Impulse, die ich mitbringe, superwichtig sind, um eine Kita weiterzuentwickeln und weiterzubringen. Ich gehöre dazu, ich kann mich hier wohlfühlen, das war für mich toll zu erleben. Es wurde nicht gesagt: „Ja, die hat aber keine pädagogischen Vorkenntnisse“, sondern: „Genau die Eigenschaften, die du mitbringst, die Sachen, die du schon erlebt hast, die sind sehr wertvoll für ein Team.“ Ich bringe aus meinem Erstberuf medizinische Kenntnisse mit, Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen, Empathie. Das sind ganz klar Eigenschaften, die in der Arbeit mit Kindern, Eltern, Teamkolleg:innen wichtig sind. In der Kita gibt es immer wieder organisatorische Aufgaben, die erledigt werden müssen. Da bin ich durch meine Praxiserfahrungen natürlich auch geübt. Ich hatte einen regen kommunikativen Austausch mit ganz unterschiedlichen Personengruppen. Auch die Kinder profitieren von unserem multiprofessionellen Team. Sie lernen, dass es jemanden gibt, der oder die sich auskennt, wenn sie mal nicht weiterwissen. So lernen die Kinder, dass sie nicht alles wissen müssen und jemanden fragen können. Der Vorteil des multiprofessionellen Teams ist der Austausch und dass ich zum Beispiel bei gärtnerischen Themen meine Kollegin, die Gärtnerin und jetzt profilergänzende Fachkraft ist, um Rat fragen kann. Wichtig ist aber, dass die nicht einschlägig qualifizierten Fachkräfte das pädagogische Hintergrundwissen in einer Weiterbildung lernen.

 

Sharon Baumgart
ist Sozialarbeiterin, Leiterin der Kita „St. Antonius“, Ransbach-Baumbach.

„Zusätzliches Personal erhöht die Arbeitszufriedenheit“

Bei der Personalisierung und Weiterbeschäftigung von Personen entscheiden wir uns immer für den Menschen, den wir in unserem Team haben wollen, unabhängig vom Beruf. Bringt er oder sie viel mit, was wir behalten wollen und was unser Team stark macht? Dann ist auf jeden Fall eine Hospitation unverzichtbar. Ohne Hospitation gibt es bei uns keine Einstellung. Für uns waren profilergänzende Fachkräfte bisher immer ein Gewinn, weil es zusätzliches Personal ist. Das entlastet das Team und erhöht die Arbeitszufriedenheit. Es haben natürlich nicht alle die gleichen Aufgaben, sondern wir schauen individuell. Es ist wichtig, dass sie sich entfalten können, dass sie sich mit ihren Interessen und Stärken einbringen können. Mir persönlich ist das Netzwerk ganz wichtig. Wenn wir zum Beispiel gute Praktikant:innen haben, versuchen wir, sie nahe bei uns zu halten, laden sie ein, wenn sie zum Beispiel Ferien haben, hier auszuhelfen. So haben wir zusätzliche Aushilfen, die für die Zeit, in der sie einspringen, angemeldet sind. Ich achte sehr penibel darauf, die Mitarbeiter:innen nicht in eine Überarbeitung zu schicken, und lasse bei Engpässen keine Überstunden aufbauen. Mein Tipp für Neueinsteiger:innen in der Multiprofessionalität ist, es einfach auszuprobieren. Sich das zutrauen. Den Menschen zu sehen, der sich bewirbt, und darauf zu schauen, was er oder sie braucht. Ist es vielleicht schon so, dass die Person gut ins Team passt? Ist es so, dass die Person eine bestimmte Fortbildung braucht? Und auch darauf zu achten: Passt es für uns an der Stelle? Es ist erst mal keine Garantie, aber das ist es auch nicht bei Fachkräften, die eine klassische Erzieher:innenausbildung gemacht haben.

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